Medizinischer Qualitätszirkel besteht seit 25 Jahren

Das Trainingslager der Ärzte

Rödermark -  In Rödermark feiert nächste Woche eine bedeutende ärztliche Einrichtung ihr Jubiläum. Der Qualitätszirkel Rodgau-Rödermark (QZ) besteht seit 25 Jahren. Er ist mithin der Älteste dieser Art in Hessen.

Redaktionsleiter Bernhard Pelka sprach darüber mit dem Gründer Dr. Stephan Orlemann, Gesellschafter der Internistischen Gemeinschaftspraxis Rödermark am Breidertring.

Der Qualitätszirkel Rodgau-Rödermark möchte unter anderem durch Zusammenarbeit und Kommunikation der einzelnen Fachgruppen der Mediziner die Diagnosetechniken optimieren. Ist es nicht manchmal schwierig, nicht nur die einzelnen Meinungen, sondern auch die einzelnen Charaktere der beteiligten Gesprächspartner unter einen Hut zu bringen?

Es geht bei uns nicht um Rechthaberei. Und es kommt zu unseren Treffen ja immer auch nur eine Auswahl an Personen. Die Personen, die Sie vielleicht meinen, kommen nicht. Insofern ist das Problem, das Sie ansprechen, für uns keines.

Dann gibt es nie Meinungsverschiedenheiten?

Doch, natürlich. Aber die unterschiedlichen Meinungen über diagnostische und therapeutische Wege sind eher eine Bereicherung. Es gibt in der Medizin nicht nur den einen richtigen Weg. Genauso, wie es nicht nur den einen Patienten gibt. Grundlage sollte aber immer eine auf Wissen basierende Meinung sein. Das Für und Wider der verschiedenen Wege muss abgewogen werden. Und dies geht besser im Dialog. Ich bin stolz darauf, dass so viele Kollegen seit nunmehr 25 Jahren unentgeltlich nach einem langen Arbeitstag sich bei unseren regelmäßigen Treffen alle vier bis sechs Wochen drei Stunden und länger mit diesen Themen beschäftigen.

Tumorpatienten schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Wie kann die Arbeit im QZ dabei helfen, die Betroffenen in dieser Ausnahmesituation richtig abzuholen?

Hier kommt es natürlich auf den einzelnen Arzt an. Der Qualitätszirkel hilft nur dabei, dass wir Ärzte auf dem neuesten Stand der Wissenschaft sind und für unsere Patienten kurze und effektive Wege zu den diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen ermöglichen. Hier möchte ich die gute Zusammenarbeit mit dem Ketteler-Krankenhaus, aber auch mit dem Chefarzt Dr. Weih im Krankenhaus Seligenstadt, betonen.

Termin- und Kostendruck in Arztpraxen hinterlassen beim Patienten häufig den Eindruck, er sei einem kaltherzigen und industriellen Massenbetrieb ausgeliefert. Was unternimmt der QZ, um dieser Tendenz entgegenzuwirken?

Dieser Eindruck täuscht leider nicht. Die zunehmende Industrialisierung der Medizin, die Übernahme von Krankenhäusern und zunehmend auch Arztpraxen durch börsennotierte Unternehmen führt dazu, dass die Gewinnoptimierung (Umsatzrenditeziele von 20 Prozent) im Vordergrund steht und der soziale Aspekt der Medizin und der Patient trotz schöner Werbung in den Hintergrund treten. In vielen Kliniken bestimmt nicht der Arzt, sondern der Controller, wie lange ein Patient bleiben kann. Das kann‘s nicht sein. Denn das führt automatisch zu Rosinenpickerei bei Patienten, und gerade wirklich kranke Patienten sind nicht lukrativ. Diese schlechte Entwicklung ist politisch aber durchaus gewollt und von uns sicher nicht beeinflussbar, außer vielleicht in unserem Einweisungsverhalten. Kirchliche Krankenhäuser sind oft mit einer schwarzen Null in der Bilanz zufrieden.

Wie ist Ihre Bilanz nach 25 Jahren QZ? Wie lässt sich der Erfolg dieser Gemeinschaft messen?

Messbar ist der Erfolg nicht. Aber der Erfolg ist sicher, dass aus vielen Einzelkämpfern eine Gemeinschaft mit ähnlichen Zielen geworden ist, dass unsinnige Therapien nach dem Motto „Hab ich immer schon so gemacht“ verlassen wurden, und dass unser Wissen und die Kommunikation deutlich verbessert wurden. Wissen Sie, vor 25 Jahren war die Bereitschaft, über das, was man als Arzt so macht – auch Fehler – überhaupt nicht vorhanden. Das hat sich zum Glück drastisch verändert.

Wenn Sie drei Wünsche in Sachen Gesundheitssystem/Patientenversorgung an die Bundesregierung frei hätten - welche wären dies?

1.) Die Politik muss zu dem gesellschaftlichen Konsens stehen, dass Medizin Geld kosten darf. 2.) Dass die Politik nicht weiterhin die Privatisierung von Krankenhäusern und auch Praxen fördert, die rein auf Gewinnmaximierung aus sind. 3.) Wir Ärzte werden nicht ganz zu Unrecht sehr genau kontrolliert in dem, was wir machen. Die daraus entstehende Bürokratie ist aber unglaublich. Manches muss ich dreifach dokumentieren. Da wird dann viel Papier produziert – zu Lasten der Qualität. Das muss sich ändern.

Warum haben Sie etwas dagegen, dass in der Branche Geld verdient wird?

Dagegen habe ich gar nichts. Wir alle sind Unternehmen und müssen von etwas leben. Aber das Gesundheitswesen ist eine Daseinsvorsorge – ähnlich wie Feuerwehr und Polizei. Dabei haben börsennotierte Unternehmen mit ihrer Pflicht zur Gewinnmaximierung nichts zu suchen. Es gilt, politisch klar zu definieren, was und wie viel an Medizin die Gesellschaft sich leisten kann. Die Gesundheitsversorgung soll nach dem Vorbild der industriellen Produktion verändert werden und verliert dadurch zunehmend den kranken Menschen aus dem Blick. Patienten werden schnell durchgeschleust, man hält sich an das Formalistische, nicht an eine patientengerechte Versorgung. Das ökonomische Denken ist so vorherrschend, dass sich dadurch auch die Innere Einstellung der Ärzte sukzessive verändert. Die von uns einhellig geforderte Qualitätssicherung ist eine reine Strukturqualität und keine Ergebnisqualität. Eine gelebte Qualität ist wichtiger als das Produzieren von Unmengen an Papier.

Und einen Wunsch zum 25. an Ihre Kollegen?

Dass sie – auch als selbstständiger Unternehmer – die echten Bedürfnisse der Patienten als erste Priorität betrachten und die Freude an der Medizin als ideale Kombination von Naturwissenschaft und sozialem Beruf behalten. Ich wünsche mir aber auch, dass Patienten erkennen, dass auch sie eine Verantwortung für ihren Körper haben und durch Nikotinverzicht, Ernährung und Sport mehr erreichen können, als durch teure Medikamente.

Quelle: op-online.de

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