„Es gab mehr als ein Opfer“

Urberach - Kein Verbrechen hat Rödermark so erschüttert wie jene Bluttat, die sich in ein paar Tagen zum zehnten Mal jährt. Die Stadt stand unter Schock. Vor der „Billardstubb“ in der Messenhäuser Straße erstach Naser B. am 1. Mai 1999 den 23-jährigen Timo Hinrichs. Von Michael Löw

„Aus nichtigem Anlass“ wie Richter Rolf Engeholm später feststellte: B.‘s jüngerer Bruder Ylber war nachts im Gaststättenklo über Timos Beine gestolpert - in den Augen der Kosovo-Albaner eine Beleidigung, die mit einem Mord endete. Es war der zweite, der innerhalb von sechs Wochen im beschaulichen Städtchen passierte (siehe Kasten).

Der Mord an Timo Hinrichs hatte Folgen für ganz Rödermark. Mehr als 2 000 Menschen trauerten bei einem Schweigemarsch mit der Familie, Freunde errichteten eine Internet-Plattform im Gedenken an das Opfer, Polizeipräsident Dr. Rainer Buchert stand dem Stadtparlament Rede und Antwort, Bürgermeister Alfons Maurer gründete den Präventionsrat, mehr als ein Dutzend Bürger verfolgte über Monate hinweg den Prozess vor dem Landgericht Darmstadt.

Was war eigentlich in jener Nacht vor zehn Jahren passiert? Timo Hinrichs und seine Freunde feierten in der „Billard stubb“ in den Mai hinein. Dort feierten auch Naser B. und seine Clique in seinen Geburtstag hinein. Alkohol floss reichlich. Die Verteidiger versuchten vor Gericht, einen Blackout nach dem Genuss von 17 Wodka-Redbull-Longdrinks zu konstruieren. In der Toilette rempelten Timo Hinrichs und Ylber B. gegen drei Uhr anein ander. Zwei Stunden später rächte Naser B. die verletzte Eitelkeit seines Bruders mit vier Messerstichen. Timo Hinrichs verblutete auf der Straße.

Die Polizei nahm noch in der Nacht vier Verdächtige, darunter Naser B.; fest. Ylber B. stellte sich wenig später.

Nach einem wahren Mammutprozess mit 20 Verhandlungstagen, 40 Zeugen und mehreren Gutachtern verurteilte das Landgericht Darmstadt Naser B. am 13. Juni 2000 wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Sein Bruder kam mit vier Jahren Jugendstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung davon, die er mittlerweile abgesessen hat. Vom gemeinschaftlichen Mord, den die Staatsanwaltschaft den Brüdern vorwarf, sprach die Kammer Ylber B. frei, nicht aber von der moralischen Mitschuld am Timo Hinrichs‘ Tod.

Wegen angeblicher Verfahrensfehler zogen die Verteidiger von Naser B. bis vor den Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Der aber bestätigte das Urteil lebenslänglich.

Rudolf und Monika Hinrichs, die Eltern des Opfers, sind aus Urberach fortgezogen. Sie wollten nicht auf Schritt und Tritt an Timos Tod erinnert werden. „Unser Sohn darf nicht sinnlos gestorben sein“, appellierten sie an die Rödermärker. Wenige Tage nach dem Mord richtete Bürgermeister Alfons Maurer das „Bürgertelefon Gewaltprävention“ ein. Rund 20 besorgte Bürger riefen an. Darunter die Mutter eines Berufsschülers, der als Zeuge in einem Schlägerprozess aussagen wollte. Freunde des Angeklagten bedrohten den Jungen schon im Zug.

Der Vorfall hatte durchaus Parallelen zu dem Prozess in Darmstadt. Finster blickende Kumpels der Brüder B. hinterließen im Gerichtsflur immer ein beklemmendes Gefühl. Allerdings - auch das sei an dieser Stelle gesagt - sie haben nie jemanden bedroht.

Der Mordprozess ist auch „Profis“ heute noch bestens im Gedächtnis. Staatsanwalt Wolfgang Bürgin erinnert sich daran, dass es die Anklage nur einem Zufall zu verdanken hatte, dass sie den wahren Täter kannte. Die Brüder B. hatten sich einem Urberacher Anwalt für internationales Vertragsrecht anvertraut, bei dem ihre Mutter putzte. Und er riet ihnen etwas, was ein ausgebuffter Strafverteidiger nie tun würde - auszupacken. Bürgin: „Sonst hätten wir wahrscheinlich nie gewusst, wer zugestochen hat!“ Der Vorsitzende Richter Rolf Engeholm geht Ende des Monats in Pension. Am Donnerstag berichtete er im Gespräch mit unserer Zeitung, dass es nach mehr als 37 Dienstjahren nur zwei oder drei Verfahren gibt, die einen so nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen haben wie der Prozess um den Mord an Timo Hinrichs. Jedesmal, wenn er an einem Plakat mit „Tanz in den Mai“-Werbung vorbeifährt, denkt er daran, dass am 1. Mai 1999 ein Menschenleben ausgelöscht und viele weitere in Mitleidenschaft gezogen wurden: „Es gab mehr als ein Opfer.“

Quelle: op-online.de

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