Hinter den Kulissen von St. Nazarius

St. Nazarius: Einblick in die Kirchengeschichte

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Michael Keck erläuterte spielend die elektronische Orgel der Kirche.

Ober-Roden - Die vier Glocken der Kirche St. Nazarius wiegen zwei Tonnen. Der Turm ist 52,5 Meter hoch. Die Pfeifen der Orgel auf der Empore sind nur Staffage, weil das Instrument die Töne elektronisch erzeugt und nicht mit Luftdruck.

Solche erhellenden Details erfuhren rund 30 Teilnehmer einer Kirchenführung durch das 1896 geweihte Gotteshaus. Der Termin führte die beiden Veranstalter, Dr. Siegfried Kutschera und Hobby-Historiker Reinhard Berker, zurück an ihre alte Wirkungsstätte. Denn beide waren einst in St. Nazarius Messdiener. Die Gemeindemitglieder und profunden Kenner der Orts- und Kirchengeschichte nahmen die Gruppe mit auf eine unterhaltsame, informative und zeitweise sogar spannende Reise in die Ober-Röder Vergangenheit. Das fand so viel Interesse, dass einige Besucher aus Sicherheitsgründen auf den nächsten Termin im Mai vertröstet werden mussten.

Die Gäste erfuhren viel über die Hartnäckigkeit des Pfarrers Jakob Dockendorff beim Spendensammeln für den dringend erforderlichen Kirchenneubau. Beim Vorgängerbau waren nach vielen Jahren notdürftiger Reparaturen bereits Teile der Empore abgestürzt, als die Sammelaktion 1887 begann.

Umliegende Gemeinden müssen die Art des Pfarrers als penetrant empfunden haben. Das legen Aufzeichnungen nahe. Sogar den Zar von Russland bat der Gottesmann um eine Spende. Letztlich kamen 46.000 Reichsmark zusammen. Das reichte - mit den 50.000 Reichsmark, die die Gemeinde zusagte - für den Rohbau im neugotischen Stil. Bis zur Weihe am 4. Oktober 1896 wurden schließlich 140.000 Reichsmark verbaut. Dr. Kutschera bettete solche Daten geschickt in den Kontext der damaligen Zeit ein. Deutlich wurde daraus, dass die damals 2000 Seelen zählende Gemeinde parallel mehrere Großprojekte stemmen musste: Kirchenneubau, Bahnhofsbau und Bau der neuen Schule (heute Rathaus).

Abenteuerliche Konstruktion im Turm

Rundgang durchs Kirchenschiff mit Abstecher in die Aba-Kapelle, Orgel auf der Empore und Turmbesteigung: das waren die Stationen. Reinhard Berker und sein Kollege erläuterten dabei ausführlich die Themen und Motive der Fenster und des Altars. Er ist ein Beispiel für den früher weit verbreiteten rustikalen, ja ignoranten Umgang mit Kirchenausstattungen. Nur noch die zwei Seitenflügel stammen vom Original. Den Rest warfen die Gemeindemitglieder in den 50er Jahren bei einer der rund zehn Renovierungen und Umgestaltungen der Kirche zum Sperrmüll.

Auf der Empore teilte sich die Gruppe. Während Organist Michael Keck die Orgel erläuterte, bestiegen die anderen Teilnehmer den Turm. Dazu gehörte ein spannender Ausflug ins Dachgebälk über dem Gewölbe. Es trägt durch seine Bauweise und ist zugleich mit Drahtseilen mit dem Dachstuhl verbunden. Eine für den Laien abenteuerliche Konstruktion. Aber sie trägt seit weit mehr als 100 Jahren. Dort oben war es ratsam, die Holzstege bloß nicht zu verlassen, um nicht durch das nur zwei Zentimeter starke Gewölbe abzustürzen. Ein Tritt daneben und... Das war ein wahrhafter Blick hinter die Kulissen.

Denn jeder konnte sehen, dass die Kirche zumindest zum Teil wohl aus allem gemauert wurde, was die vielen Helfer damals bekommen konnten: Backsteine, Bruchsteine, große Quader, kleine Brocken. Das alles versteckt sich hinter einer imposanten Fassade aus Blendsteinen. Zusammengestückelt ist die Treppe im Turm: aus Stufen, die in diversen Ober-Röder Haushalten damals nicht mehr gebraucht wurden. Materialnot und der Zwang zum Haushalten machten eben erfinderisch. Die vielen Erläuterungen verdeutlichten, wie groß die Hilfs- und Spendenbereitschaft war. Viele Landwirte packten zusätzlich zum harten Broterwerb auf ihrem Hof mit an. Manche Firmen, die dabei waren, bestehen heute noch: etwa die Firma Endres aus Dieburg (Maurerarbeiten) und die Firma Sturm aus Rödermark (Holzarbeiten).

(bp)

Quelle: op-online.de

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