St. Nazarius-Pfarrer Elmar Jung

Die Botschaft Jesu muss provozieren

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Die Terrasse des Ober-Röder Pfarrhauses ist ein Weinberg, der jedes Jahr bis zu fünf Zentner Trauben bringt. St. Nazarius-Seelsorger Elmar Jung hat sie schon zu „Unserm Parre soin Roode“ keltern lassen. Dem Wein sollen im Herbst ein hochprozentiger Schnaps und ein milder Likör folgen.

Ober-Roden - Pfarrer ist mehr Berufung als Beruf. Sie repräsentieren ihre Gemeinde ebenso wie die Weltkirche und vermitteln christliche Werte gelegentlich schon mal provokant.

So wie St. Nazarius-Pfarrer Elmar Jung, dessen Weihnachtskrippen die Ober-Röder Katholiken schwer ins Grübeln bringen. Der Hobby-Weinbauer und Indien-Helfer war der zweite Gesprächspartner für Rödermark-Redakteur Michael Löw beim Sommerinterview.

Gibt es eigentlich „Unserm Parre soin Roode“ noch?

Das war ein erster Versuch, mit den jährlichen fünf Zentnern Trauben von der Pfarrhausterrasse was anzufangen. Mittlerweile habe ich das weiterentwickelt zu zwei echten Alternativen: einem 42%igen „Rachebutzer“-Schnaps und einem 29%igen Traubenlikör, beides in unserem Eine-Welt-Laden zu haben. Der Erlös ist fürs Kirchendach. Und demnächst gibt’s wieder etwas Neues…

Nazarius-Wein ist ja nicht Ihre einzige unkonventionelle Idee. Ich habe da die Flüchtlings-Krippe an Weihnachten 2016 im Auge, die gewaltig provozierte. Oder die Krippe 2017, die bis weit nach Ostern stehen blieb. Was bleibt denn nach solchen Denkanstößen in einer Gemeinde zurück?

Selten wurde so lange kontrovers über eine Krippe diskutiert wie über die Flüchtlingskrippe 2016 – bis heute ist sie im Bewusstsein vieler Leute. Ich bin sehr froh darüber. Und auch die Krippe 2017, die zur Passionskrippe und dann zur Osterkrippe mutierte und schließlich auch das Thema der Kommunionkinder allen vor Augen stellte, hat das Denken und Glauben der Christen verändert. Was hätte ich besseres erreichen können?! Die Botschaft Jesu ist nicht von „gestern“, sie möchte ins „Heute“ übersetzt werden. Sie muss provozieren, das heißt herausfordern.

Auf was dürfen, vielleicht auch müssen, die Ober-Röder Katholiken zum Weihnachtsfest 2018 gespannt sein?

Zuerst auf das unfassbare und unglaubliche Wunder, dass Gott in Jesus Christus „Hand und Fuß“ bekommen hat und einer von uns Menschen wurde. Von dieser weltumspannenden Botschaft ausgehend, wird sich auch die Gestaltung der Krippe im Blick auf das Alltags- und Weltgeschehen definieren.

Was schätzen Sie an Ihrer Gemeinde am meisten?

In unserer Gemeinde St.Nazarius glauben viele Menschen überzeugt und überzeugend. Weil es guttut zu glauben, kommen Leute zum Gottesdienst. Viele sind auch bereit, sich zu engagieren in Gruppen und Kreisen oder bei einzelnen Aktionen. Das macht deutlich, dass Glaube und Leben zusammengehören.

Und wo würde ein kirchlicher Unternehmensberater noch Verbesserungspotenzial sehen?

Es bleibt für die Kirche eine immer wichtige Aufgabe, für ihr Anliegen zu werben. In unserer Zeit und in unserer Stadt mit unzähligen Möglichkeiten ist Kirche zu einem Angebot unter vielen geworden. Die Leute suchen sich das aus, was ihnen gut tut und was ihnen „etwas bringt“. So suchen sie auch „Kirche“ wie eine Art Tankstelle auf dem Weg ihres Lebens. Deshalb müssen die Qualität unser Gottesdienste, aber auch die Menschen und Möglichkeiten unserer Pfarrei einladend für viele sein. Dafür ist Kreativität gefragt. Nur „immer so weiter wie bisher“ geht nicht.

Schauen wir doch mal gemeinsam vom Nazarius-Kirchturm in die weite Welt: Wie kann die katholische Kirche die Leute besser erreichen? Oder muss man bei manchen Personengruppen am Ende gar fragen: Kommt die Botschaft der Bibel überhaupt noch an?

Das große Warenhaus der Welt mit all seinen Angeboten ist zwar ein Reichtum für uns Menschen, fordert aber zugleich auch heraus, auszuwählen. Viele sehen dabei „vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr“. Ich stimme dem früheren Generalvikar Dietmar Giebelmann zu, der sagte: „Wir haben die beste Botschaft zu verkünden, die es in der Welt gibt“. Ich meine, es kommt darauf an, dass Menschen diese Erfahrung wenigstens einmal für ihr eigenes Leben gemacht haben. Dann werden sie diese wunderbare Botschaft schätzen, danach leben und sie auch weitergeben.

Kann die katholische Kirche in Deutschland von anderen Ländern lernen? Sie bringen durch ihre Indien-Hilfe reichlich Erfahrung mit.

In Indien habe ich recht wenig Kontakt zur Kirche dort. Unser Indienhilfswerk „HAND in HAND arbeitet dort ja unabhängig von Kirche, Glaube und Kaste. Dennoch können wir in Deutschland vor allem eines – gerade von ärmeren Ländern – lernen: Weil in unseren Breiten die Haltung vorherrscht, alles zu kaufen, zu haben und machen zu können, besteht die Gefahr, dass Menschen denken, Glaube und Religion seien nutzlos geworden. Gott wird in einer autonomen Welt immer mehr entbehrlich, ja überflüssig. Dies hat aber auf lange Sicht Auswirkungen auf das Verhalten in der gesamten Gesellschaft. Wie bemerkte es pointiert einmal Heinrich Böll: „Ich überlasse es jedem einzelnen, sich den Albtraum einer heidnischen Welt vorzustellen oder einer Welt, in der Gottlosigkeit konsequent praktiziert würde: den Menschen in die Hände des Menschen fallen zu lassen…“

Verraten Sie uns die Quelle?

Ich habe das Zitat in Karlheinz Deschners Buch „Was halten Sie vom Christentum?“ gefunden. Es erschien 1957 bei List in München und steht auf Seite 22 – wenn Sie es ganz genau wissen wollen.

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Von Böll zurück nach Indien.

Genau das lerne ich bei meinen mittlerweile schon 34 Besuchen in Indien immer wieder: Wo eine tiefe Verwurzlung des Menschen in das Göttliche lebendig ist, wo Gott im Alltag vorkommt, dort verdrängen auch Hoffnung, vertrauensvolles Miteinander in der Familie und die alltägliche Teilbereitschaft der Menschen wie ein Lebenselixier einen kalten Egoismus. Kirche in unseren Breiten hat heute mehr und mehr den Auftrag, die Sehnsucht nach Gott, das „Gerücht nach Gott“, im Bewusstsein der Menschen wach zu halten und daran zu erinnern, dass Geld und Macht und Ansehen alleine nicht genügen.

In Indien reichen 1250 Euro, damit eine Familie sich ein kleines, aber sicheres Haus bauen kann. In Ober-Roden müssen Sie sich demnächst wahrscheinlich mit der Sanierung des Kirchendachs herumschlagen, die in die Hunderttausende geht. Tut dieses Missverhältnis nicht in der Seele weh?

Oh ja, wie weh tut das! Aber es ist auch unser Auftrag hier vor Ort, das Erbe unserer Väter mit solch einem Gebäude zu bewahren. So wird Kirche als Bauwerk mitten im Ort auch zu einem Zeichen dafür, dass Gott bei den Menschen wohnt und erinnert sie alltäglich daran. Auch das ist ein Wert.

Was würden Sie Papst Franziskus sagen, wenn Sie ihn treffen würden?

„Mach weiter so in deinem so glaubhaften Lebensstil, Zeuge Gottes in dieser Welt und bei den Menschen zu sein. Lass Dich von Angsthasen und Traditionsbewahrern nicht einschüchtern in Deiner Überzeugung, die Kirche in die Freiheit der Kinder Gottes zu führen: nämlich arm, ehrlich, vertrauensvoll und gläubig. Ich bin an deiner Seite.“

Sie würden Gottes Stellvertreter auf Erden tatsächlich duzen?

Ja glauben Sie, so ein Papst würde etwas anderes wollen, zumal wir doch Brüder im Glauben sind und in derselben „Firma“ arbeiten?

Quelle: op-online.de

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