„Danke für ein Stück Brot!“

Neugestaltung der Rollwald-Gedenkstätte weckt Erinnerungen

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An das Lager Rollwald, in dem während der NS-Zeit Sträflinge, politische Gefangene und Homosexuelle inhaftiert waren, erinnert dieser sogenannte Ein-Mann-Bunker im Wald zwischen Ober- und Nieder-Roden. Franz Kern (rechts), Wolfgang Seitz und Winfried Hitzel, der dieses Foto aufnahm, hatten ihm im Herbst einen Besuch abgestattet.

Ober-Roden - Die Neugestaltung der Gedenkstätte des einstigen Lagers Rollwald, über die unsere Zeitung gestern berichtete, hat bei Zeitzeugen Erinnerungen geweckt. Franz Kern schilderte uns eine Begegnung aus dem Kriegswinter 1943.

Franz Kern gehört zu den immer weniger werdenden Zeugen der Nazi-Zeit und des Zweiten Weltkriegs. Der 85-Jährige berichtet in Schulen oder bei kirchlichen Veranstaltungen über seine Erlebnisse. Zum Strafgefangenenlager Rollwald, dessen Gedenkstätte die Stadt Rodgau jetzt umgestalten will, hat er eine besondere Beziehung. Die ersten Baracken standen nur gut einen Kilometer vom Haus der Familie Kern in der Frankfurter Straße am Ober-Röder Ortsrand entfernt.

Die Neugier zog den Buben immer wieder an den Stacheldrahtzaun. „Einmal sah ich, wie zitternde Hungergestalten auf dem Lagefriedhof einen Toten verscharrten“, erzählt er. Diese Hungergestalten mussten während der harten Winter der vierziger Jahre den Schnee von den Landstraßen räumen. Ein Trupp schaufelte und kratzte 1943 nicht weit von Franz Kerns Zuhause die Fahrbahn frei. „Bübchen, gib mir ein Stück Brot“ bettelte ihn ein Mann an. Klein-Franz holte welches aus der Küche, seine Mutter warnte ihn eindringlich vor den Wachen. Deshalb warf er das Brot in den Schnee und lief davon.

Umso größer war der Schreck der Eltern, als wenig später ein gut gekleideter Mann vor der Tür stand und fragte, ob hier ein Junge wohnt, der den Zwangsarbeitern Brot hingeworfen hat. Von der Gestapo war er offenbar nicht, denn nach einen verschüchterten „Ja“ verschwand der Besucher. Kurz vor Weihnachten brachte der Postbote ein Paket, das an den kleinen Franz adressiert war. Zwischen Unmengen an Süßigkeiten fand der Junge einen Zettel mit einem einzigen Satz; „Danke für ein Stück Brot!“

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Nur der Poststempel aus Aachen wies auf den Absender hin. Nachforschungen waren wegen des Kriegs unmöglich. Franz Kern ist sicher, dass der hungernde Schneeschipper aus dem Lager entlassen worden war, ohne die Gabe des Kindes zu vergessen. Ob der gut gekleidete Mann an der Tür aber der bettelnde Gefangene war, weiß Kern auch nach mehr als 70 Jahren nicht. Nach seiner mutigen Tat war er zu schnell weggelaufen, um sich das Gesicht zu merken. (lö)

Quelle: op-online.de

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