Interview: Wilhelm Schöneberger ist jetzt Ex-Gewerbevereinsvorsitzender

Rödermark: Nicht nur eitel Sonnenschein im Gewerbeverein

Einkaufen nach Ladenschluss – also Late-Night-Shopping – könnte eine Alternative zu den vergleichsweise aufwendigen Märkten sein.
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Rödermark: Einkaufen nach Ladenschluss – also Late-Night-Shopping – könnte eine Alternative zu den vergleichsweise aufwendigen Märkten sein.

Nach nur 15 Monaten legt Wilhelm Schöneberger den Vorsitz des Gewerbevereins Rödermark nieder. In erster Linie ist die zunehmende Arbeit in seiner Unternehmensberatung der Grund. Im Interview klingt aber Frust mit der städtischen Wirtschaftsförderung durch. Deren Gutschein-Aktion sieht Schönberger als Konkurrenz zu den Gutscheinen des Vereins. Insgesamt jedoch ist Schöneberger mit dem Verhältnis zur Stadt zufrieden. Darüber und natürlich die Perspektiven des Rödermärker Gewerbes nimmt er im Gespräch Stellung.

Rödermark - Herr Schöneberger, im Oktober 2019 haben Sie hoch motiviert und mit etlichen guten Ideen den Vorsitz des Gewerbevereins übernommen. Nach gut einem Jahr kündigten Sie Ihren Rückzug an. Das kam für viele überraschend...

Schon jetzt sprechen viele aufgrund der Corona-Krise vom längsten Jahr! Wer von uns kann sich noch daran erinnern, wann wir das letzte Mal ohne Masken zusammenkommen konnten. Dieses Jahr ist kein Jahr, sondern eine gefühlte Ewigkeit, und noch ist kein Ende abzusehen. Gleichzeitig aber muss man das große Pensum sehen, das der Vorstand in dieser Zeit geleistet hat. Der Gewerbeverein Rödermark wurde komplett neu aufgestellt und die Versäumnisse der letzten Jahre aufgeholt. Mit unserer Gutscheinaktion haben wir das richtige Thema besetzt. Meine Arbeit ist getan, und mit diesem Erfolg fällt der Rückzug leicht.

War das eine lang überlegte Entscheidung oder kam er spontan?

Nach den notwendigen strukturellen Aufgaben konnten wir uns im Sommer inhaltlichen Themen widmen. Dabei haben wir uns mit unserem Selbstverständnis und unserer Rolle in der Stadt beschäftigt, insbesondere damit, wer welche Interessen und Erwartungen an den Gewerbeverein hat. Das hat den ein oder anderen aus dem Vorstand nachdenklich gemacht. In einer Vorstandssitzung im Spätsommer sind dann die persönlichen Entscheidungen gefallen.

Ziehen Sie doch bitte für unsere Leser eine Bilanz Ihrer Amtszeit und fangen mit den Erfolgen an.

Der Erfolg hat sich am Ende eingestellt, am Anfang stand allerdings viel Arbeit… Der alte Vorstand hat uns im Herbst 2019 ein schweres Erbe hinterlassen! Vor allem ein nicht abgeschlossener Vorgang aus dem Sommer 2019, der viele Fragen aufwirft und für den ich die Verantwortung ablehne, hat die Vorstandsarbeit belastet. Ich hätte mir eine andere Art der Übergabe gewünscht.

...und wie ging’s weiter?

Bei unserer ersten Bestandsaufnahme im Oktober wurden dann Ziele für 2020 formuliert und die Aufgaben verteilt. Eine gepflegte Mitgliederliste ist das Herzstück eines jeden Vereins, das musste schnell angegangen werden. Durch die Kontaktdaten war es dann auch möglich, einen regelmäßigen Newsletter zu installieren. Mit den ersten Maßnahmen sollte unsere Außendarstellung verbessert werden. Wir haben dazu ein neues Logo entwickelt, modern und zukunftsfähig. Für unsere neue Homepage haben wir auf Bilder der Wirtschaftsförderung und des Fotoclubs zurückgegriffen. Gleichzeitig wurde auch ein System für den Kauf digitaler Gutscheine installiert, mit dem in der Krise unsere Gewerbetreibenden unterstützt werden können. Damit waren die wichtigsten Strukturen geschaffen!

Das Selbstverständnis des Gewerbevereins hat sich mit seiner Zusammensetzung über die Zeit geändert, wie sehen Sie den Gewerbeverein?

Wir sind nach innen eine Interessengemeinschaft, in der Händler, Gewerbetreibende und Dienstleister gemeinsame Anliegen formulieren und gegenüber Politik und Behörden vertreten. Das muss allerdings politisch gewollt sein und unterstützt werden.

Das vermissen Sie offensichtlich.

Die Stadt bewirbt und betreibt seit Oktober eine eigene, über Steuergelder finanzierte Homepage und teilt dabei die Gewerbetreibenden in 40 „Originale“ und ja, was auch immer, ein. Von unserem Flyer mit wirklichen Originalen ist diese Plattform weit entfernt. Das hat bei vielen Unternehmen für Verwirrung gesorgt.

Eitel Sonnenschein sieht anders aus!

Sicherlich wird der Bürgermeister eine Möglichkeit finden, diese unglückliche Situation aufzuheben. Nur gemeinsam kommen wir aus der Krise.

Wegen der Corona-Krise konnten keine Märkte stattfinden, bedauern Sie das?

Früher waren die Märkte des Gewerbevereins ein wichtiges Instrument in der Außendarstellung, das den Mitgliedern einen großen Nutzen gebracht hatte. Das ist heute nicht mehr so. Zum einen repräsentieren die klassischen Marktteilnehmer nur noch 10 bis 15 Prozent der Mitglieder. Zum anderen stellt der Markt auch keine Leistungs- und Produktschau der Gewerbetreibenden mehr dar; gastronomische Aspekte stehen im Vordergrund. Und last but not least sind die anfallenden Kosten für den Verein gegenüber den restlichen Mitgliedern schlicht nicht zu vertreten. Das Geld vieler darf in einem Verein nicht zum Wohle einzelner verwandt werden! Hier wäre ein allgemeines Stadtfest das bessere Format.

Darf"s auch eine Nummer kleiner sein?

Wie es auch gehen kann, hat unsere zweite Vorsitzende Sabine Weber gezeigt, als sie in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung ein neues Event aus der Taufe gehoben hat. Das Late-Night- Shopping an Kerbsamstag hat großes Potenzial, und es ist mehr als ärgerlich, dass das Wetter nicht mitgespielt hat. Wenn nach der Pandemie wieder eine „normale“ Kerb möglich ist, ist die zusätzliche Organisation für diese Veranstaltung machbar. Das könnte eine echte Erfolgsgeschichte werden.

In den vergangenen Wochen wird der Gewerbeverein stark über seine Gutscheine wahrgenommen. Welchen Stellenwert haben die Gutscheine für Sie?

Die Gutscheine sind der entscheidende Schlüssel zum Erfolg, sie sind kapitalgedeckt und haben eine lange Tradition. Und der Beschenkte entscheidet, wo er sie einlöst. Wir haben einen großen Teil der Mitgliedsbeiträge als Gutscheine an die Mitglieder zurückgegeben. Damit haben wir große Sympathien erzielt und konnten 25 neue Mitglieder gewinnen. Gleichzeitig stehen nun auch die Mitglieder in der Verantwortung, unsere Solidargemeinschaft aktiv mitzugestalten und miteinander Handel zu treiben. Auch viele Institutionen haben Gutscheine für ihre Mitarbeiter gekauft, und unsere Erste Stadträtin Andrea Schülner hat bewiesen, dass sie das Gebot der Zeit verstanden hat und in großer Anzahl Gutscheine an die Seniorinnen und Senioren verschenkt hat. Mit unseren Gutscheinen und der von uns neu gestalteten Weihnachtspost haben wir den Verein in dieser schweren Zeit in jeden Haushalt getragen.

Die nächste Frage kommt Ihnen sicherlich bekannt vor; sie war Teil unseres Interviews im März. Die Bedeutung des Einzelhandels schrumpft überall in Rödermark. Machen noch weitere Geschäfte dicht? Ist wirklich nur das Internet am Laden- und Gaststättensterben schuld? Und lassen Sie mich gleich noch eine Ergänzung hinzufügen: Wie viele kleine Geschäfte oder Kneipen sind der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen?

Der Kauf im Internet und damit der Verlust von Einzelhandelsgeschäften in den Ortskernen und Innenstädten ist ein Phänomen unserer Zeit. Die Corona-Krise verstärkt diese Entwicklungen dramatisch. Um diesen Trend umzukehren, wird es keine Patentlösungen geben. Jedes einzelne Geschäft wird kreativ seinen Platz in der digitalisierten Welt finden müssen. Die Wirtschaftsförderung Rödermark ist mit ihren regelmäßigen Informationen zu den gesetzlichen Änderungen in der Pandemie dabei eine große Hilfe.

Reicht lokale Unterstützung?

Man kann gerade sehen, welche Konzerne Umsatz und Gewinn vervielfachen konnten. Da fragt man sich natürlich, wo bleibt die Digitalsteuer, die dann für Investitionen in den Innenstädten eingesetzt werden könnte?

Kommt das große Wehklagen erst noch oder ist das Rödermärker Gewerbe mit einem blauen Auge davongekommen? Was haben Sie von Ihren Mitgliedern in Sachen Umsatzverluste oder Jobabbau gehört?

Um diese Frage zu beantworten, müsste ich meine Glaskugel bemühen. Was im Großen gilt, gilt auch auf kommunaler Ebene. Zur Zeit simulieren wir einen Großteil unserer Volkswirtschaft, die Bundesregierung hat mit einem ganzen Strauß von Maßnahmen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abgefedert. Dabei wurde das Insolvenzrecht modifiziert, Zuschüsse, Kredite, Überbrückungsgelder, Kurzarbeitergeld und vieles mehr gezahlt. Viele Unternehmen hängen am Tropf. Warten wir mal die Überwindung der medizinischen Krise ab. Sicherlich wird man nach der Bundestagswahl einen Kassensturz machen, und dann wird sich zeigen, wo wir wirklich wirtschaftlich stehen. Das gilt auch für die heimischen Unternehmen. Wer glaubt, wir kriegen den Februar 2020 zurück, der wird sich getäuscht sehen. Vieles, was wir uns heute noch nicht vorstellen können, könnte schon bald alternativlos sein.

Was haben Sie auf Ihrer persönlichen Negativliste stehen?

Der Gewerbeverein ist ein besonderer Verein, mit dem viele Mitglieder eigene Erwartungen und Interessen verbinden. Damit kann ich umgehen. Aber die Form, wie versucht wurde, Einfluss zu nehmen, hat mich schon überrascht. Diese Erfahrungen können mir für mein weiteres Engagement nur hilfreich sein.

Ins Detail wollen Sie also wohl nicht gehen. Mit wem geht’s 2021 an der Spitze des Gewerbevereins weiter?

Corona fordert nicht nur die Mitglieder. Im bisherigen Vorstand waren die meisten in besonders betroffenen Branchen wie Gastronomie, Hotellerie oder Veranstaltungsbereich vertreten. Außer mir sind auch Britta Maurer, Tobias Lang, Achim Hunzinger und Andreas Diederich zum Jahresende ausgeschieden. Herbert Schneider hatte sein Mandat bereits im März niedergelegt. Mit meiner Demission rückt Sabine Weber an die Spitze des Gewerbevereins Rödermark, und Helmut Schrod wird ihr zur Seite weiter als Schatzmeister fungieren.

Welchen Rat geben Sie Ihren Nachfolgern?

Das Corona-Virus hält für uns noch einige Überraschungen bereit, und daher glaube ich an keine größeren Aktivitäten des Gewerbevereins für 2021. Das Hauptaugenmerk wird auf dem Gutscheinsystem liegen. Gerade dort haben wir uns gut aufgestellt. Daher sehe ich keine großen Herausforderungen auf den Verein zukommen. Der Verein ist bei Sabine Weber und Helmut Schrod in guten Händen. Wir haben in den letzten Monaten eng und vertrauensvoll zusammen gearbeitet, und das wird sicherlich auch so bleiben. Ich habe sie über meine Einschätzungen zu verschiedensten Themen informiert. Es bietet jetzt für beide die Möglichkeit in der Verantwortung stehend, sich selbst klar zu positionieren.

Und wie geht es mit Ihnen weiter?

Es wird nicht langweilig, neue Projekte liegen auf meinem Schreibtisch und wollen verfolgt werden. Und vielleicht kandidiere ich mal wieder für die Position des Vorsitzenden des Gewerbevereins, man weiß ja nie...

Das Gespräch führte Michael Löw.

Rödermark: Wieder mehr Zeit für seine Unternehmensberatung und den „Dinjerhof“: Wilhelm Schöneberger kann sich nach seinem Rückzug von der Spitze des Gewerbevereins wieder verstärkt Firma und Veranstaltungsstätte widmen – wenn der „Dinjerhof“ wieder öffnen darf.

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