Wie Angehörige auf die Corona-Beschränkungen bei Beerdigungen reagieren

Notfalls wird der Friedhof abgeschlossen

Ein frisches Grab auf dem Ober-Röder Friedhof. Die Beisetzungen finden aktuell unter strengen Auflagen statt.
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Ein frisches Grab auf dem Ober-Röder Friedhof. Die Beisetzungen finden aktuell unter strengen Auflagen statt.

Rödermark – „Aufgrund der aktuellen Situation findet die Trauerfeier im engsten Familien- und Freundeskreis statt.“ Dieser Satz ist seit März leider Standard in Traueranzeigen, die privat verschickt oder in den Medien veröffentlicht werden. Doch Beerdigungen, die zahlenmäßig begrenzt sind, passen nicht zu dem zwischenmenschlichen Bedürfnis, sich auf dem letzten Weg eines Menschen von ihm angemessen zu verabschieden, ihm die letzte Ehre zu erweisen und damit auch den Angehörigen zu zeigen, wie sehr dieser Mensch wertgeschätzt wurde. Corona hat dem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Was macht das mit den Angehörigen? Wir haben Pietäten und Pfarrer befragt.

Nach mehreren Wechseln ist der momentane Stand der, dass nach Anordnungen des Friedhofsamts in Ober-Roden derzeit 27 Trauergäste und in Urberach 32 Teilnehmer direkt in der Trauerhalle nach entsprechenden Sitzordnungen dabei sein dürfen und weitere rund 70 Menschen vor der Halle Anteil nehmen können. Insgesamt 100 Beteiligte sind zur Zeit zu der Beisetzung im Freien – ob Grab oder Urnenwand – erlaubt. Darüber hinaus müssen Besucher ausgeschlossen werden – notfalls auch konkret mit einem Abschließen der Friedhofstore, wenn das Verständnis der draußen Wartenden zu wünschen übrig lässt.

Anfangs haben sich viele Trauergäste damit schwer getan

Sich um die Einhaltung zu kümmern ist Sache der Angehörigen, die dies zumeist an die beauftragten Pietäten weitergeben. „Am Anfang war das sehr schwierig“, erinnert sich die Urberacher Bestatterin Petra Sturm. „Aber inzwischen haben die Trauergäste das weitgehend als unerlässlich akzeptiert.“

Tatsächlich hat die Bestattungsfirma die übertragene Pflicht, die Trauernden vorweg um eine Liste der Menschen zu bitten, die in die Trauerhalle mitkommen dürfen, und jene, die draußen bleiben müssen. Die Besucher werden dann schon vor der Trauerhalle buchstäblich abgehakt. Ist die erlaubte Zahl erreicht, werden Halle und Friedhof gesperrt.

„Im Frühsommer hatten wir das Glück, dass während der vollständigen Hallenschließung gutes Wetter herrschte und die Trauerfeiern im Freien stattfinden konnten, mit meist kürzeren Ansprachen und auch mal mit einem spontan aufgestellten Stuhl für Gehbehinderte. Da gab es wenige Schwierigkeiten. Ein einziger Fall Anfang Juni wird mir aber immer im Gedächtnis bleiben: Bei der Beerdigung des so bekannten und beliebten Lehrers und Musikers Hans Sterkel sind wir alle an unsere Grenzen gestoßen. Das war das einzige Mal, dass wir tatsächlich gezwungen waren, die Tore des Friedhofs abzuschließen, obwohl draußen noch eine große Trauergemeinde wartete. Im Zweifelsfall wären wir auch vom Ordnungsamt für Nichteinhaltungen verantwortlich gemacht worden“, berichtet Petra Sturm.

Das war für alle Betroffenen sehr schwer, vor allem für die Angehörigen, die das ebenso schlecht verkraften konnten wie die Tatsache, dass ausgerechnet beim Tod des beliebten Musikers und Sängers nicht gesungen werden durfte. „Es war aber der einzige Fall, der zu einer solchen Herausforderung wurde. Die Trauerfeiern werden ohnehin immer kleiner“, fasst Petra Sturm zusammen. „Normalerweise geht es gut in der Halle: Die Türen sind ständig offen, die Heizung mit ihrer Umluft ist abgeschaltet, weshalb es aber recht kalt ist. Und ich befürchte, diese Bedingungen werden auch noch länger so bleiben.“

Dass diese Einschränkung manchen Hinterbliebenen sogar auch wohltut und ihnen eine innere Last erleichtert, weiß Angelika Fuchs von der Ober-Röder Pietät Saager. „Das war viel schöner als beim Papa, weil nicht so viele Leute da waren, auf die man sich als Angehörige an diesem Tag eh nicht einlassen kann“, bekommt sie gelegentlich von Menschen zu hören, die dankbar dafür sind, dass ihnen die Entscheidung zum großen Abschied abgenommen wurde.

Mittlerweile halten sich fast alle Trauergäste an die Vorgaben, die sich herumgesprochen haben. Schwierig ist nach ihrer Meinung nur, dass nicht immer die gleich zu Beginn der Pandemie getroffenen Absprachen eingehalten werden, dass Beisetzungstermine gar nicht bekannt gegeben werden und damit das „Laufpublikum“ entfällt.

Schwierig sind für sie als Bestatterin auch die sehr kurzfristigen Änderungen: „Wie soll ich Beschlüsse, die freitags bekanntgegeben werden, in einer Beerdigung am Montag umsetzen? Wie die Angehörigen das wirklich verarbeiten, bekommen wir nicht mit. Aber viele sind tatsächlich froh, dass nur die ihnen wichtigen Menschen dabei sein können.“

Mittlerweile gewohnt sind es nicht nur die Angehörigen, sondern auch die Pfarrer, dass sie auf den Friedhöfen veränderte Arbeitsbedingungen vorfinden. Da die meisten Trauergemeinden mit den derzeitigen Plätzen gut zurechtkommen, weil sich ohnehin schon viele Besucher aus eigener Vorsicht von der Feier zurückziehen, sehen sie auch keine großen Veränderungen bei den Angehörigen.

Das Singen während der Begräbnisse fehlt Trauergemeinden schon

„Ganz am Anfang, als die Trauerhalle geschlossen war, haben viele Familien sich schwer getan. Inzwischen wurde die Begrenzung fast zur Selbstverständlichkeit.“ Von einem weitergehenden Schritt berichtet der Urberacher Pfarrer Klaus Gaebler: „Die Bedingungen haben auch den Allerheiligentag gezeichnet, wo wir auf eine Andacht verzichten mussten und nur in einer kleinen Gruppe die Gräber gesegnet haben.“

Diese Veränderungen betreffen natürlich auch Pfarrer Carsten Fleckenstein aus Ober-Roden: „Zum bevorstehenden Ewigkeitssonntag haben wir alle Trauernden der in diesem Jahr Verstorbenen angeschrieben und eingeladen, aber einen bedeutend schwächeren Rücklauf bekommen. Die Leute bleiben von selber zuhause, obwohl wir diesmal in zwei Gottesdienste aufgeteilt haben.“

Auch der sonst übliche gemeinsame Gang mit den Konfirmanden über den Friedhof fällt in diesem Jahr weg.

Von Christine Ziesecke

Der Platz vor der Friedhofshalle in Ober-Roden: In dieser Zeit begleiten die meisten Trauergäste von hier aus die Trauerfeiern.

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