Osterbraten hat in der Kühltruhe Gesellschaft

Hinterachse muss in den Kälteschlaf

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Einen Ferguson-Traktor hat Günter Birth schon in ein tuckerndes Schmuckstück verwandelt, am nächsten ist er dran. Zwei Jahre, so schätzt er, dauert’s, bis aus dem Wrack ein „Goldbauch“ wird.

Ober-Roden - Günter Birth hat ein ziemlich sperriges Hobby. Er restauriert Traktoren aus den Fünfzigerjahren und hat sein Herz an die englische Marke Ferguson verloren. Von Michael Löw 

Die ließ ihre „Goldbäuche“ - so haben Bauern den Typ FE 35 liebevoll genannt – auch in Köln-Westhofen montieren. Die Technik alter Traktoren hat’s dem Ober-Röder Bäcker- und Konditormeister Günter Birth angetan. Stundenlang könnte er über Details wie die Ricardo-Komet-Verbrennungskammern eines englischen Ferguson FE 35, Zweiloch-Zapfdüsen mit besonderer Einspritzöffnung oder das katastrophale Kaltstartverhalten erzählen. Das haben die Landmaschinenbauer aus Coventry übrigens durch Einzel-Glühkerzen verbessert - der Vollständigkeit halber sei’s erwähnt.

Nein, Günter Birth ist längst ein Experte für die weichen Faktoren rund ums Trecker-Aufbereiten geworden. „Nur meine beiden Schildkröten entschleunigen mehr“, schwärmt er von der Langsamkeit seines Hobbys. 1 650 Stunden Arbeit hat er über zwei Jahre hinweg in seinen ersten FE 35 gesteckt. Den hatte er 2009 entdeckt, die Scheinwerfer guckten ihn wie traurige Kulleraugen an: „Das hat eine schlummernde Leidenschaft geweckt!“ Restauriert zieht der Traktor wie zuletzt beim Rödermärker Frühlingsfest stets bewundernde Blicke auf sich.

Der FE 35 heißt unter Bauern und Bastlern „Goldbauch“. Der gold lackierte Unterbau war Mitte der Fünfziger ein cleverer Marketing-Gag: „Die meisten Traktoren wurden von Frauen gekauft.“ Erstaunlich, was die Damen vor über 60 Jahren in der Landwirtschaft schon alles mitzureden hatten...

Seinen zweiten Traktor stöberte Günter Birth versteckt und verdreckt in einer Scheune bei Nürnberg auf. Er musste den Besitzer lange bearbeiten, bis der den FE 35 verkaufte. Nicht das Geld gab den Ausschlag: Birth versprach, den Traktor nicht auszuschlachten, sondern wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen. Bilder seines Erstlingswerks waren der Beweis dieser eigentlich abgedroschenen Formel. Günter Birth gönnt sich auch für den Nürnberger Traktor zwei Jahre Aufbauarbeit. Momentan hat er ihn in seine Einzelteile zerlegt. „Bei mir in der Tiefkühltruhe liegt auch mal eine Hinterachse zwischen Schnitzeln und Lende“, verblüfft er Besucher seiner Garagen-Werkstatt.

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Der Kälteschlaf hat seinen Grund: Zweistellige Minusgrade lassen die stählerne Achse um Millimeter-Bruchteile schrumpfen. Parallel dazu erhitzt Birth die Ringe, die Achse und Lager verbinden, mit dem Bunsenbrenner auf 350 Grad. Dank dieses Temperaturunterschieds flutschen die Teile geradezu ineinander. Aber nur, wenn’s innerhalb weniger Sekunden geschieht. Da geht Tempo vor Entschleunigung.

Geheimtipps dieses Kalibers hat Günter Birth massenhaft auf Lager. Auch das macht den Reiz seines Hobbys aus. „Der beste Arbeiter ist die Geduld. Man muss auch mal was liegen lassen können“, ist eine Devise, die er sich beim Traktor-Restaurieren angeeignet hat. Bis zu einer Woche lässt Birth zum Beispiel festgefressene Schrauben liegen - in einer Mischung aus Benzin und Diesel. Das löst den Rost gründlicher und schonender als jedes „Caramba“-Spray.

Quelle: op-online.de

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