Wackelkandidaten stabilisieren

80-Jähriger aus Ober-Roden hilft jungen Leuten mit Problemen bei der Ausbildung

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Jede Menge Papierkrieg: Wenn Rudolf Münch verhindern will, dass junge Leute ihre Ausbildung abbrechen, reichen Gespräche allein nicht aus.

Der 80-jährige Rudolf Münch aus Ober-Roden hilft jungen Leuten mit Problemen bei der Ausbildung. Dabei reichen Gespräche alleine nicht immer aus. Um zu verhindern, dass junge Leute ihre Ausbildung abbrechen, fällt auch jede Menge Papierkrieg an.

Ober-Roden – Rudolf Münch, der frühere Innungsobermeister der hessischen Metzger, will im Ruhestand nicht zur Ruhe kommen. Vor elf Jahren ging er für den Senior Experten Service (SES) nach Sachalin, Russlands östlichste Insel im Pazifik. Als 70-Jähriger versuchte er dort, rückständige Großfleischereien auf die Beine zu bringen.

Jetzt, mit 80, will und kann Rudolf Münch sich solche Reisen nicht mehr zumuten. Sein Wissen bringt er aber immer noch ein. Er hilft jungen Leuten, die mit ihrer Ausbildung nicht klar kommen und oft kurz davor sind, alles hinzuschmeißen. VerA heißt das Projekt. „Ich will junge Leute wieder in die Schiene reinbekommen“, umschreibt er seine Aufgabe. Der Bedarf an dieser Hilfe ist groß. Jeder vierte Ausbildungsvertrag in Deutschland wird vorzeitig aufgelöst.

Rudolf Münch hat fünf Wackelkandidaten betreut. Drei haben die Prüfung bestanden, zwei haben die Lehre abgebrochen. Als positives Beispiel führt er eine 20-jährige Osteuropäerin an, die Krankenpflegerin werden wollte. Sie lebt schon eine Weile in Deutschland und spricht gut Deutsch. Doch lesen? Fehlanzeige. Sechs Monate hat er einmal die Woche mit ihr Zeitung gelesen und wäre beinahe an seiner Schülerin verzweifelt. So wie die beinahe an bildlichen Begriffen wie „die Zeit liegen lassen“ verzweifelt wäre: Ob die Zeit denn auf dem Boden oder in Afrika liege, wollte sie wissen. Münch machte ihr deutlich, dass jemand, der seine Zeit liegen lässt, sie verschwendet.

Die VerA-Teilnahme war für die Frau keine Zeitverschwendung: Sie hat die Prüfung geschafft.

Als Metzgermeister hat Rudolf Münch immer mit Jugendlichen zu tun gehabt. Von dieser Erfahrung profitiert er nach Jahrzehnten noch. Er bemüht sich, potenziellen Abbrechern auf gleicher Ebene zu begegnen, zieht aber auch sofort klare Kanten: „Wenn du keine Lust hast, sage es gleich. Dann hören wir sofort auf!“

Die Probleme seines Klientels sind vielschichtig. Bei vielen hat er Defizite in den Grundrechenarten ausgemacht: „Die tippen selbst 8x5 ins Handy.“ Andere haben ihre Ausbildung mit zu hohem Anspruchsdenken angefangen oder wissen nicht, was sie werden wollen.

Oder sie fangen eine Lehre an wie das Mädchen, das von seiner Mutter als Verkäuferin in eine Bäckerei geschickt wurde. Nach einer Weile bekam Rudolf Münch mit, dass das Mädchen in einem Auto lebte. Nein, nach Hause wolle sie auf keinen Fall, bekam er von der Verkäuferin wider Willen zu hören. Da war er als Psychologe gefragt. In die Bäckerei ging sie nicht mehr, sie wurde Gärtnerin.

Michael Löw

Quelle: op-online.de

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