Konditormeister Günter Birth

„Goldbauch“-Traktor: Ein tuckerndes Sahnestückchen

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Die Froschperspektive macht deutlich, warum der „Goldbauch“-Traktor „Goldbauch“ heißt. Günter Birth hat 1 340 Stunden Arbeit in seinen mittlerweile zweiten Ferguson gesteckt, den er in einer fränkischen Scheune aufgestöbert hat.

Ober-Roden - Zum zweiten Mal hat Günter Birth einen Schrotthaufen in ein tuckerndes Schmuckstück verwandelt. Der Bäcker- und Konditormeister hat sein Herz an die englische Traktormarke Ferguson verloren und möbelt einen bestimmten Typ auf: den „Goldbauch“. Von Michael Löw 

Unter aufwendig restauriertem alten Blech verbirgt sich neue Elektrik. Der Oldtimer-Spezialist vom TÜV war zwar persönlich von Günter Births „Goldbauch“ begeistert. Doch von Berufs wegen musste er natürlich auf die Verkehrssicherheit achten.

1 340 Arbeitsstunden entsprechen fast 170 Acht-Stunden-Tagen. So viel Zeit hat Günter Birth in seinen zweiten „Goldbauch“ investiert, den er vor mehr als zwei Jahren in der Nähe von Nürnberg entdeckt hatte. Der „Goldbauch“ heißt technisch korrekt Ferguson FE 35 und ist ein britischer Traktor aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Mit 387 382 Exemplaren ist er einer der meistverkauften Traktoren der Welt.
„Goldbauch“-Fan und -Kenner ist Günter Birth seit 2009. Da stand er dem ersten Briten-Trecker gegenüber, die Scheinwerfer erinnerten ihn an traurige Kulleraugen. Für dessen Runderneuerung brauchte Birth noch 1650 Stunden. „Bei der Nummer zwei hat mir meine Routine geholfen“, erzählt der Rentner, der in seinem Berufsleben den menschlichen Bauch füllte: Er verdiente sein Geld als Bäcker- und Konditormeister.

Auch für Motoren, Getriebe und andere Landwirtschafts-Technik hat er längst die richtigen Rezepte, die seinem erlernten Handwerk gar nicht so fremd sind. Die Hinterachse des aktuellen FE 35 lagerte er in der Tiefkühltruhe, um sie anschließen mit dem Bunsenbrenner auf 350 Grad zu erhitzen: Dank dieser Schocktherapie sitzen die Ringe, die Achse und Lager verbinden, wie eine Eins.

„Dieser Ferguson hat mich ganz schön gefordert. Er hatte viele versteckte Schäden, die man nur mit Profiaugen sehen konnte“, blickt Birth auf die Restaurierung zurück. Manche Fehler hätten sogar Laien erkannt. Als Birth den Motor spülte, förderte er einen verbogenen Zehn-Zentimeter-Nagel zum Vorschein. Wirklich gewundert hat"s ihn nicht: Wenn ein Bäuerlein vor 60 Jahren das Kühlwasser seines Traktors nachfüllte, nahm er die nächstbeste Kanne, die auf dem Hof rumstand – Hauptsache Wasser. Egal, was drin herumschwamm. Birth hat schon vermodertes Laub oder Zigarettenkippen aus dem Motor geholt.

Doch dieses und andere versteckte Fouls waren vergessen, als Ende Mai der Mann vom TÜV aus Marburg in Günter Births Garagenwerkstatt kam. Er tat"s nach Feierabend, um sich den „Goldbauch“ mit der Seriennummer SDM 57969 in Ruhe anschauen zu können. Bei aller persönlichen Begeisterung war der TÜV-Spezialist auch Amtsperson und vermaß und wog den Traktor und stellte dem FE 35 die Zulassung für den Straßenverkehr aus.

„Die erste Fahrt war ein richtiger Glücksmoment“, schwärmt der technikbegeisterte Konditor von seinem neuesten Sahnestückchen. Auch seine Tochter Irina tuckert gelegentlich mit dem „Goldbauch“ durch die Landschaft. Das Wort Bremskraft hat für sie seine ursprüngliche Bedeutung zurückerlangt: Als die junge Frau erstmals an einer Ampel hielt, musste sie vom Sitz aufstehen und das Bremspedal mit all ihrer Kraft treten. Sonst wäre der fast eineinhalb Tonnen schwere Traktor einfach weiter gerollt.

Geht Günter Birth nach dem zweiten Goldbauch demnächst an die Nummer drei? Mit all seiner Erfahrung könnte er den Arbeitsaufwand vielleicht unter die 1000-Stunden-Marke drücken? Nein - tut er nicht. Zum einen ist in der Garage nur Platz für zwei „Goldbäuche“. Und zum andern fordert die Familie nach ziemlich genau 3000 Stunden Schrauben, Lackieren, Verdrahten und Probeglühen ihr Recht.

Quelle: op-online.de

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