Kinderdorf in Argentinien

Drogendealer vor der Grundschule

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Die Idylle im Kinderdorf und seinem Hort trügen: Vorm Tor warten Dealer und locken selbst Sechsjährige mit billigen Drogen an.

Ober-Roden/San Salvador - Zwei Generationen und genau 10.988 Kilometer (Luftlinie, versteht sich) liegen zwischen ihrem alten Arbeitsplatz und der aktuellen Wirkungsstätte.Von Michael Prochnow

Im Haus Morija kümmerten sich die Schwestern des Christusträger-Ordens um ältere Menschen, im Hogar del Sol, der „Sonnenherberge“, in San Salvador de Jujuy betreuen sie Kinder und Jugendliche. Viele Bewohner des Pflegeheims Haus Morija und Angehörige erinnern sich bestimmt noch an die Schwestern Barbara und Ulrike, die Schweizerin Barbara Schindler und Ulrike Nied, die aus dem Taubertal stammt.

Für beide Frauen war es ein langer Weg - nicht nur von Hessen nach Jujuy, der nördlichsten Provinz in Argentinien. Auch die Entscheidung, sich ein Leben Lang Gott und den Menschen zu verpflichten, war für sie ein wechselvoller Prozess. Die raue Landschaft kahler Berge von farbigem Gestein am Fuße der Anden und endlose Felder laden zum Nachdenken ein.

Das Zentrum von San Salvador de Jujuy gleich dem aller Kolonialstädte: An einem viereckigen Park stehen sich Rathaus und Kirche gegenüber. Die Kathedrale beherbergt ein kleines Museum sakraler Kunst und historischer Fotos, dazu Inka-Figuren in verschiedenen historischen Szenen.

Kaum Zeit für Stadtbummel

Barbara Schindler (rechts) und Ulrike Nied (Mitte), die früher in Ober-Roden Dienst taten, leiten das Kinderdorf im Norden von Argentinien gemeinsam mit Veronika Huber.

Die Mitarbeiterinnen des Hogar del Sol sind hier selten anzutreffen. Nicht etwa, weil sie als evangelische Christen die sakralen Orte des katholisch geprägten Landes meiden würden. Aber ihre Aufgaben im Kinderdorf sind so umfangreich, dass ihnen kaum freie Zeit für einen Stadtbummel bleibt. Der dichte Straßenverkehr kostet fast eine halbe Stunde, um einen Besuch im Rathaus oder im Ministerium wahrzunehmen. Und selbst mit einem Termin könne man dort nicht mit deutscher Pünktlichkeit rechnen, schmunzelt Schwester Ulrike. Sie erledigt mit dem kleinen Lieferwagen die Einkäufe, pendelt zur Kita der Gemeinschaft und bringt Kinder mit ihren Pflegeeltern in die Arztpraxis. Kleinere Wehwehchen kann die Krankenschwester freilich dank ihrer Qualifikation selbst behandeln. 25 Mädchen und Jungen leben in der Calle Bärbel Spieker in vier Familiengruppen. Die Straße unterhalb Nationalroute 9 Richtung Chile und Bolivien trägt den Namen der Gründerin, die vor 36 Jahren die Einrichtung aufgebaut hat.

Weitere Informationen gibt es im Internet.

Heute leitet Schwester Veronika Huber das Haus mit Ulrike und Barbara. Sie werden von 13 Mitarbeitern unterstützt. Viele der Kinder kennen ihre Väter nicht - typisch für ganz Südamerika, formuliert Ulrike. Einige Mütter sind drogenabhängig und nicht in der Lage, ihren Nachwuchs zu erziehen. Dann gibt es noch Kinder wie den kleinen Diego, dessen Alter keiner kennt, weil er in Bolivien in einen Bus gesetzt wurden, um im vermeintlich reicheren Nachbarland eine bessere Zukunft zu haben. In der Kita werden rund 130 Knirpse betreut. Manche der Betreuer sind ehemalige Nutzer des Kindergartens oder Mütter, die Drogen nahmen und mit Hilfe der Christusträger geheilt sind. Bis heute erwarten jedoch Händler die Grundschüler am Ausgang des Horts und verteilen billige Schnüffelstoffe. Die werden aus Abfallprodukten des Koka hergestellt und können schwere Gehirnschäden verursachen.

„Mündiger Gehorsam“

Um „ihre“ Kinder davor zu schützen, treffen sich die Schwestern mit ihnen und den Eltern zu Gesprächen und Spielen am Küchentisch. Die Fachleute erklären bei frisch gekochtem Essen, wie die Kleinen mit einem gestärkten Selbstwertgefühl stark werden gegenüber Gewalt und Drogen. Das helfe auch, wenn mal wieder ein Vater direkt aus dem Gefängnis mit einer Pistole in der Hand in der Kita auftaucht, um den Sohn „abzuholen“.

„Ich wollte immer eine Familie haben“, plaudert Barbara Schindler aus ihrem Leben. Sie habe als Jugendliche „begonnen zu beten und die Bibel aufgeschlagen“. Dabei erkannte sie, „Gott beruft Menschen in seinen Dienst“. Es dauerte aber noch einige Jahre, bis eine Band der Christusträger nach Biel kam und den Teenager faszinierte. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Krankenpflegerin, bevor sie im Alter von 22 Jahren gelobte, in Gütergemeinschaft, Ehelosigkeit und „mündigen Gehorsam“ zu leben, wie es die Ordensregeln fordern. Barbara Schindler wirkte sechs Jahre im Haus Morija.

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Der Weg von Ulrike Nied war noch holpriger. Nach einem Todesfall in der Familie zweifelte sie an Gott, begann eine Banklehre. Erst durch eine Freundin und ein Freiwilliges Soziales Jahr mit alten Menschen wurde sie angesteckt. Nonne wollte die Tochter katholischer Eltern nie werden, erzählt sie. Während der Ausbildung zur Krankenschwester im schwäbischen Herrenberg fühlte sie einen „inneren Ruf“.

In der Schwesternschaft der Christusträger in Bensheim-Auerbach lernte sie Barbara kennen. Sie folgte ihr nach Rödermark und vor fünf Jahren nach Jujuy. „Die Arbeit fordert einen heraus“, resümiert sie. Die Ordensleute leben und dienen Gott gemeinsam, sogar in den Urlaub fahren sie zusammen. „Der Glaube ist etwas ganz Natürliches“, definiert Ulrike weiter. „Wichtig ist die eigene Beziehung zu Jesus.“

Quelle: op-online.de

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