Guter Ruf kommt nicht von ungefähr

Die "Vierziger" - Jazzclub will seine Musik jünger und tanzbarer machen

Fast schon historischen Wert haben die Fotos und Plakate, die den Jazzkeller unter der TS-Halle zieren. Albert Böttner, der 2. Vorsitzende des Jazzklubs, ist dort seit 37 Jahren als Fan und engagierter Vereinsmensch daheim. Foto: Löw

Einer der größten Jazzclubs der Republik ist nicht in den deutschen Musikmetropolen Berlin, Freiburg oder Stuttgart daheim, sondern im beschaulichen Rödermark. Postalisch korrekt: in der Neckarstraße 24 unter der Halle der Turnerschaft Ober-Roden.

Ober-Roden –Dass sein Renommee übers Rhein-Main-Gebiet hinausreicht, hätten seine Gründer 1979 allenfalls zu träumen gewagt. Die Riverboat-Shuffles auf dem Main oder das Open Air „Jazz im Wald“ auf der Bulau lockten die Fans in Massen. Diese Großveranstaltungen sind mittlerweile ein paar Nummern kleiner geworden. Doch ansonsten gilt für den Jazzclub die Devise: 40 Jahre und kein bisschen leise.

Der stellvertretende Vorsitzende Albert Böttner blickt in unserem Sommerinterview zurück und nach vorn.

Der Jazzclub wurde 1979 als „Jazzclub Rödermark/Rodgau“ gegründet. Warum eigentlich, war Ihnen die eigene Stadt zu klein?

Der Club wurde von Mitgliedern des „Jazzkollektivs“ an der Volkshochschule in Dietzenbach gegründet. Diese kamen bis auf eine Ausnahme aus Rödermark (zum Beispiel Dicky Huhmann) und Rodgau wie der frühere OFFENBACH-POST-Reporter Klaus Kölpin. Daher der Name. Die Ausnahme war übrigens Torsten Plagenz, der aufgrund seines Alters seinerzeit das Gründungsprotokoll zur Vereinsanmeldung nicht mitunterzeichnen durfte.

Überhaupt, wie war’s denn mit Jazz in der Provinz?

Ein Ausgangspunkt war, dass es im Umkreis schon viele Jazzinteressierte gab, die nicht immer nach Frankfurt fahren wollten, um guten Jazz zu hören. Die Eintragung ins Vereinsregister beim Amtsgericht Langen zog sich etwas hin, der Vorsteher des Finanzamts, der selbst Jazzmusik machte, musste Überzeugungsarbeit leisten, damit der Jazz als „Kunst und Kultur“ akzeptiert wurde.

Wie hat sich der Club letztendlich behauptet?

Nach anfänglichen Schwierigkeiten und einigen Aufs und Abs hat sich der Jazzclub in der Kulturszene des Rhein-Main-Gebiets fest etabliert, und wir bekommen jährlich Dutzende von Anfragen neuer Bands, die gerne auftreten würden - zusätzlich zu den Bands, die immer wieder nach Rödermark kommen. In 1989 erhielt der Jazzclub nicht umsonst den Kulturpreis des Kreises Offenbach.

Jazzern sagt man ja gern einen Spleen nach. Hat die Jamsession „After Hours“ deshalb viele Jahre erst um 20.36 Uhr angefangen?

Ja, ein früheres Vorstandsmitglied hat zusammen mit aktiven Musikern die Jamsession „reanimiert“ und als besonderen Gag damals eine ungewöhnliche Anfangszeit festgelegt.

Und warum haben Sie das geändert?

Weil wir insgesamt die Anfangszeit unserer Veranstaltung von 20.30 auf 20 Uhr vorverlegt haben und nachdem sich die Jamsessions so fest etabliert haben, starten wir zur selben Zeit. Bis alle Musiker da sind, ist es sowieso meistens 20.36 Uhr.

Gibt es große Unterschiede zwischen dem Programm der frühen Jahre und dem aktuellen Programm?

Die Bandbreite, also Randgebiete oder verwandte Gebiete des Jazz, hat zugenommen. Unser Ziel: neue Mitglieder und Besucher finden, vor allem bei den Jüngeren. Früher lag der Schwerpunkt auf traditionellem Jazz wie New-Orleans, Swing oder Dixie. Heute sind Chansons, Pop, Klassik und Jazz, Latin, Blues, Boogie und manchmal auch Folk- und Country-„Anlehnungen“ dazu gekommen. Und Jazz ist ja durchaus auch etwas, zu dem man tanzen kann.

Träumen Sie doch mal, Sie dürften Ihr Programm ausbauen. Welche neuen Schwerpunkte würden Sie setzen?

Moderneren Jazz, tanzbaren Jazz. Das ist etwas, was übrigens auch die bekannten Bands wie die Barrelhouse verstärkt in ihrem Programm haben. Allerdings nicht unbedingt Freejazz, dazu neigt das lokale Publikum eher nicht, und aus Frankfurt würde sich kaum jemand auf den Weg machen, um Freejazz in Rödermark zu hören, da gibt es in Frankfurt mehr als genug Angebote. Dazu kommt noch, verstärkt Newcomerbands, auch von lokalen Musikvereinen wie die „Chiller and Trillers“ von MV Viktoria 08, einzuladen.

Gewinnt der Jazzclub damit auch jüngeres Publikum?

Neues und jüngeres Publikum - in jedem Fall, wie vor allem die Erfahrungen in Zusammenhang mit dem Kulturfestival positiv gezeigt haben.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als die Turnerschaft Ober-Roden vor zwei, drei Jahren darüber nachdachte, die Turnhalle von der Friedrich-Ebert-Straße auf ihren Sportplatz zu verlegen? Das hätte das Ende des Jazzkellers bedeutet. Aber auch das Ende des Jazzclubs?

Wir waren nach einem ersten Schrecken relativ unaufgeregt. Denn die TS hatte schon sieben Jahre zuvor mit solchen Gedanken gespielt und das Ganze dann als nicht realisierbar verworfen. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns zurücklehnen können, nach dem Motto „Es wird schon nichts passieren“. Das Ende des aktuellen Jazzkellers: Ja, das hätte es bedeutet, das Ende des Clubs kurzfristig eher nicht.

Wie oder wo wär’s denn weitergegangen?

Wir hätten zuerst nach Alternativen gesucht und sicherlich auch gefunden. Veranstaltungen in anderen Locations wie „Dinjerhof“, Kelterscheune, Häfnerplatz, Waldfestplatz Bulau oder Angelsportverein und gemeinsam mit anderen Veranstaltern und Partnern wie AZ, Kulturhalle, Lions, Anglern, KIR, Bürgerhäuser Dreieich und Kunstforum Seligenstadt mit gemeinsamen Riverboat-Shuffles haben uns in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt, dass der Jazzclub eigentlich ein unverzichtbarer Bestandteil der Kulturszene, nicht nur in Rödermark, sondern im gesamten Kreisgebiet ist.

Genug der trüben Gedanken: Auf was dürfen sich die Fans von Jazz und Swing im Geburtstagsjahr noch freuen?

Schauen Sie doch einfach in unser aktuelles Programm: neue Bands, weitere Specials und Gratulationen von Freunden wie der Allotria, der Barrelhouse, Joe Wulf oder Dirk Raufeisen. Und das Highlight ist sicherlich die Gala am 23. November in der TS-Halle mit Barrelhouse und Joe Wulf & his Gentlemen of Swing. Und auch im ersten Halbjahr 2020 wird´s hochkarätig weitergehen. Die erste Veranstaltung im Januar ist das Konzert mit den Red Hot Hottentots.

Und der Ausblick über das Geburtstagsjahr hinaus?

Gerade das Festival „Kultur ohne Grenzen“ hat gezeigt, welches kulturelle Potenzial es in der Region gibt. Das ist für uns ein wesentlicher Grund, nicht nachzulassen und weiterhin ein abwechslungsreiches und unterhaltsames Angebot an Jazz und „verwandten“ Kulturrichtungen anzubieten und dies auch in Zusammenarbeit mit Stadt, Kreis und anderen Kulturträgern. Wir wollen uns nicht gegenseitig Konkurrenz machen – wobei terminliche Überschneidungen nie ganz auszuschließen sind –, sondern dazu beitragen, dass es in Rödermark und Umgebung ein Angebot gibt, bei dem die Menschen nicht in die umliegenden Großstädte fahren müssen, um es wahrnehmen zu können.

Das Gespräch führte Michael Löw

Quelle: op-online.de

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