Obst und Gemüse Müller in Urberach

Kartoffeln zur Probe gekocht

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Karl Norbert und Claudia Müller sind zu recht stolz auf ihre fast 90-jährige Ladentradition. Hier gibt es neben Blumen, Obst und Gemüse den älteren Kunden zuliebe auch Milchprodukte und Lebensmittel - fast wie bei Tante Emma früher.

Urberach - Obst und Gemüse Müller in der Traminer Straße ist einer der letzten Läden mit langer Familientradition. Und teilt das Schicksal vieler alt eingesessener Geschäfte: Die Zukunftsperspektive ist alles andere als rosig. Von Christine Ziesecke 

1926 eröffnete Karl Josef Müller einen „grünen Stand“ mit neun Quadratmetern am Dalles und ging nebenbei arbeiten, während seine Frau mit einer Tante den Laden betrieb. Karl Josef Müller fuhr damals mit dem Fahrrad nach Frankfurt einkaufen, karrte die Ware mit einem Rollwagen zur Bahn, und verlud sie. Später wurde die Ware in Urberach von den Frauen am Bahnhof abgeholt.

1930 kaufte Müller ein halbes Haus mit einem kleinen Hof in der Darmstädter Straße 41. Etwas später fuhr er mit seinem Verkaufswägelchen dienstags und freitags nach Messel und baute samstags seinen Stand in der Bachgasse auf - zu Zeiten, als die Hausfrauen „ihre Einkäufe noch in der Schürze heimtrugen“, erinnert sich Enkel Karl Norbert Müller. „Sein“ Laden in der Traminer Straße besteht seit 1960, damals durfte sein Vater Edmund Josef Müller auf dem Gelände der Schwiegereltern bauen.

Bis dahin gab"s bei Müllers nur Obst und Gemüse, jetzt kamen auch Blumen dazu: 15 bis 20 Sorten, Schnittblumen und saisonale Bepflanzung. Im gemauerten Keller lagerte der Großvater tonnenweise Kartoffeln in Zentner-Säcken ein. Die wurden schon beim Einkauf im Großmarkt probegekocht, um die Qualität zu testen; und zuhause, ehe sie 10-Pfund-weise in Papiertüten verpackt wurden, noch einmal.

Ladenübernahme vom Vater

Mit diesem Wagen fuhren die Müllers jahreelang durch Urberach und Messel, um dort die Menschen mit Obst und Gemüse zu versorgen.

„Bei Qualität bin ich auch heute noch sehr empfindlich! Unsere Produkte sind halt etwas teurer, aber es gibt Menschen, die sich das leisten können oder eben lieber weniger, aber gut einkaufen“, bleiben Karl Norbert Müller (62) und Ehefrau Claudia (54) der Devise von Opa und Vater treu. Sie war Fleischereiverkäuferin und hat, als sie 1982 geheiratet haben, eine Floristenausbildung gemacht. Er war schon mit 14 bei „Latscha“in die Lehre gegangen und ist inzwischen 47 Jahre im Beruf des Einzelhandelskaufmanns, bis 1972 im „Latscha“-Markt Sprendlingen, dann hier im Laden: „Ich war ja als Bub schon vom Opa angelernt worden.“ 1990 übernahm er den Laden vom Vater.

Aussichten auf Nachfolger für den Obst- und Blumenladen gibt’s nicht: Weder der Sohn (31) noch die Tochter (25) treten in die Fußstapfen. „Sie haben ganz andere Vorlieben und Ausbildungen. Der Berufszweig ist sehr arbeitsintensiv, und heute möchte keiner mehr 14 Stunden arbeiten am Tag“, erläutert Claudia Müller. Was sie verkaufen, kommt aus dem Frischezentrum (früher Großmarkthalle Frankfurt) - 80 Kilometer hin und zurück, mindestens dreimal in der Woche, um 4 Uhr morgens aufstehen.

Seit das Milchgeschäft Frank schräg gegenüber geschlossen hat, haben die Müllers noch Hüttenthaler Milchprodukte übernommen. Im Laden gibt’s auch etwas Wein und einige Standardartikel. „Wir haben eine gehbehinderte Dame mit einem Einkaufswägelchen, die Ravioli isst – die haben wir neben einigen wenigen anderen Sachen dann hier auch als Service für die Älteren.“ Diese wollen das Sortiment gerne noch erweitert haben. „Ich kenne diese Leute schon 40, 50 Jahre lang. Die wollen vor allem ein Schwätzchen haben, und bei Bedarf liefern wir auch noch aus.“

Ab und zu gibt"s lustige Weinproben mit Ziehharmonikamusik, etwa beim Herbstmarkt, und Honig, den die Müllers extra im Schwarzwald holen. In der Osterzeit gibt’s auch mal Plätzchen aus dem Münsterland. „Mein Traum war früher immer ein Hofladen. Aber wir wollen hie auch niemandem auf die Zehen treten“ versichert Claudia Müller mit Blick auf Urberacher Händler. Und ihr Mann ergänzt: „Mein Opa hat immer gesagt: Kauf nix Billiges, sonst kaufst du zweimal; kauf nix Teures, sonst bezahlst du den Namen; siedle dich in der Mitte an!“

Früher hat Karl Norbert Müller beim BSC, wo er fast 50 Jahre Mitglied ist, Handball gespielt. Sein Hobby ist die Jagd: „Aber mit Schwerpunkt verantwortungsvoller Umgang mit der Natur“. Seit seine Eltern 2001 gestorben sind, fehlen den Müllers die helfenden Hände. Urlaub ist nicht drin. „Einer allein kann"s aber gar nicht machen; wir werden so lange weitermachen, bis einer von uns beiden nicht mehr kann. Dann ist Schluss mit Obst und Gemüse Müller!“

Quelle: op-online.de

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