Oldtimer mit neuster Technik

Die Raubkatze faucht zurück

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Mehr als 50 Jahre hat dieser Jaguar XK 150 FHC schon auf der Karosserie. Doch dank guter Pflege in der Werkstatt von Marcus Kümpel sieht man dem Auto das Alter nicht an, der Besitzer fährt mit ihm demnächst nach England. Genauer gesagt: auf die Rennstrecke Goodwood in der Grafschaft Sussex.

Urberach - Der einst schnittige Sportwagen ist ein Trümmerhaufen, für den Laien keinen Cent ausgeben würden: Die Karosserie ist bis aufs blanke Metall abgeschliffen, unter der Haube vereinsamt der Motorblock, Sitze, Scheiben und Türverkleidungen sind verschwunden. Von Michael Löw

Doch aus diesem Wrack macht Marcus Kümpel wieder einen Hingucker, für den Fans das Sparbuch plündern.

Der 43-Jährige erneuert im Urberacher Industriegebiet Autos der britischen Kultmarke Jaguar. Seine Kunden kommen aus München, Hamburg, Berlin und Norwegen. Jaguar-Freunde aus dem noblen Monte Carlo pilgern ebenso in die Siemensstraße wie welche aus dem neureichen Moskau. „Für solche Leute sind Oldtimer Lebensinhalt“, sagt Kümpel.

Bilder von den Oldtimern in Rödermark  

Oldtimer mit neuster Technik

Das kann man ohne Übertreibung auch von ihm sagen. Mitte der achtziger Jahre jobbte er während der Ferien erstmals in der Jaguar-Werkstatt seines Schwagers Wolfgang Peters. Konsequenz: Nach acht Semestern schmiss er sein Jurastudium und fing eine Lehre als Kfz-Mechaniker an.

Im Frühjahr 2009 übernahm Marcus Kümpel die Firma, die die Peters-Brüder 1958 in einer Ober-Röder Tankstelle gegründet hatten. Heute beschäftigt er fünf Mitarbeiter: eine Frau im Büro und vier Spezialisten in der Werkstatt. Kümpel erlaubt im Allerheiligsten, was anderen Kfz-Meistern den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Seine Kunden dürfen mitarbeiten, das gehört zu deren Auto-Philosophie.

E-Type ist der Klassiker

Der E-Type ist der Klassiker unter den Jaguar-Legenden. Das Modell mit der charakteristischen ultralangen Motorhaube wurde zwischen 1961 und 1975 17.000 mal gebaut - selten genug, um heute auf allen Straßen aufzufallen; oft genug, um auch nach Jahrzehnten eine ordentliche Ersatzteilversorgung zu garantieren. Das nämlich, so Marcus Kümpel, unterscheide britische Oldtimer von italienischen.

Egal, ob Spitfire, Bentley, Rolls Royce oder eben Jaguar: Die Scheibenwischermotoren zum Beispiel sind in den meisten Autos gleich und deshalb recht billig zu haben. Marcus Kümpel schwärmt aber nicht nur bei den kleinen, sondern auch bei den großen Motoren von britischer Ingenieurskunst: „Beim Zwölf-Zylinder war Jaguar Mercedes & Co. Jahrzehnte voraus.“ Der erste XJ 12 lief 1968 vom Band; da schraubte die Konkurrenz in Stuttgart oder München noch Sechs-Zylinder zusammen.

„Individualisten, aber keine Snobs!“

„Individualisten, aber keine Snobs!“ So beschreibt Marcus Kümpel die Menschen, für die er europaweit nach dem passenden Jaguar fahndet. Natürlich könnten sie auch eine rollende Raubkatze, Baujahr 2012, bestellen, aber der fehlt das Charisma älterer Modelle.

Die „Ikone E-Type“ ist ab etwa 50 000 Euro zu haben - fahrbereit. Wer indes mehr als einen Oldtimer mit gültiger TÜV-Plakette haben will, lässt seinen Jaguar bei Kümpel neu aufbauen. Ein solcher Neu-Aufbau komme für Kunden in Frage, „die keine Kompromisse eingehen wollen und sich ein Neuwagengefühl wünschen“. Restauration sei in diesem Zusammenhang der falsche Begriff. Denn er bedeute die originalgetreue Wiederherstellung bis zur letzten Schraube.

Preislich auf dem Niveau eines neuen Sportwagens

Ein Neu-Aufbau liegt preislich auf dem Niveau eines neuen Sportwagens aus Stuttgart, schreibt Marcus Kümpel auf seiner Internet-Seite. Ein Blick auf die von www.porsche.de zeigt, was Oldtimer-fans mindestens auf der hohen Kante haben sollten: 48.291 Euro kostet der Einstiegs-Boxster.

Ein alter Jaguar voll moderner Technik ist alltagstauglich. Marcus Kümpel erhielt vor ein paar Wochen die SMS eines Kunden, der mit seinem E-Type Urlaub in Portugal machte. „Läuft alles bestens“, ließ der Mann nach 7500 Kilometern wissen.

Quelle: op-online.de

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