Olympiaträume im Badehaus

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Die ebenso sanften wie kraftvollen Hände von Natalia Rogalski sollten Leszek Bandach locker kneten für die Olympischen Spiele in London. Die Qualifikation hat der polnische Fechter zwar verpasst, doch die Massagen im Badehaus bleiben ihm in bester Erinnerung.

Urberach - Leszek Bandach träumte davon, mit 52 Jahren Polens ältester Fechter bei den Olympischen Sommerspielen in London zu sein. In der Wellness-Abteilung des Badehauses tankte er Kraft, doch am Ende platzten alle Hoffnungen. Von Michael Löw

Selbst die beste Massage macht aus einem alternden Sportler keinen Olympioniken.

Seine Geschichte ist’s trotzdem wert, erzählt zu werden. Denn Leszek Bandach fightete sich nach einem Horrorunfall 1995 zunächst ins Leben und danach auf die internationalen Planchen zurück. 1979 hatte er erstmals mit der polnischen Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft gekämpft. Bei den Olympischen Spielen in Seoul wurden die Polen mit Bandach Fünfte. Dass die WM 1994 in Athen seine letzte werden würde, ahnte Bandach damals noch nicht.

In Sekundenbruchteilen ein Krüppel

Doch wenige Monate später krachte der Mannschaftsbus, der auf dem Heimweg von Budapest war, frontal gegen einen Lastwagen. Der Fahrer war eingeschlafen, was Bandach heute nicht mehr wundert. Denn der Mann war bei dem Turnier in Ungarn zugleich auch Trainer und Teamchef - nachsozialistische Sparsamkeit mit schlimmen Folgen. Ein polnischer Fechter starb.

Leszek Bandach, der ohne Sicherheitsgurt in der letzten Reihe saß, flog durchs ganze Auto nach vorne. Er brach sich so ziemlich alle Knochen und trug schwere Kopfverletzungen davon. Aus einem Nationalmannschaftssportler war in Sekundenbruchteilen ein Krüppel geworden, der im Rollstuhl saß und Pampers brauchte. Dutzende von Metallplatten und Edelstahlschrauben hielten den Körper zusammen.

Bandachs Lebenswille besiegte das Siechtum. Nach ein paar Monaten schaffte er auf Krücken die erste Runde ums Haus. „It is great“, jubelte er auf Englisch, als er nach fast einem dreiviertel Jahr die ersten Schritte ohne fremde Hilfe gehen konnte. In einem Fitnessstudio in Kattowitz baute er mühsam die verlorene Muskelmasse wieder auf.

Kontakte aus den späten siebziger Jahren wieder aufleben lassen

1997 bestritt er erstmals wieder ein internationales Turnier in Wien und gewann auch prompt drei Kämpfe.

Nach Urberach kam Leszek Bandach erstmals in diesem Frühjahr. Er bereitete sich auf ein Weltcup-Turnier in La Coruna, Spanien, vor. Der damalige Badehaus-Chef Walter Convents, erfolgreicher Säbelfechter bei den Olympischen Spielen 1972 in München und viermaliger WM-Teilnehmer, hatte die alten

Kontakte aus den späten siebziger Jahren wieder aufleben lassen. Convents war seinerzeit Bundestrainer und hielt einen Lehrgang in Bonn ab, Bandach war ein 17-jähriges Talent aus dem Ostblock und durfte in den Westen reisen.

Dass der Kontakt zwar immer wieder einmal einschlief, aber nie abriss, ist normal. „Wir Fechter sind eine große Familie, da verliert man sich nicht so schnell aus den Augen“, erzählte Convents. Der Grund: Gute Fechter kämpfen mindestens zehn bis zwölf Jahre auf hohem Niveau und stehen damit länger als andere Sportler an der Weltspitze.

An die kehrt Leszek Bandach nun doch nicht zurück. Die junge Konkurrenz war einfach zu stark für ihn. Und ein Stück weit überschätzt hatte er sich garantiert auch. „Im Sport ist alles möglich“, hatte er sich im Gespräch mit unserer Zeitung Optimismus verbreitet. Dass er mit seinem hohen Anspruch scheiterte, lag nicht am Badehaus. „Ich bin Sportler und habe einige Massagen genossen. Aber die hier war professionell perfekt“, lobte er.

Und die relaxten Stunden haben Bandach zu einer Erkenntnis verholfen, die wichtiger ist als der verpasste Olympiastart: „Der wahre Sieg ist der Sieg über meinen Körper.“

Quelle: op-online.de

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