Opfer der Bürokratie

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Aus Kistenholz Buden und Hütten bauen regt die Kreativität an und erfordert einiges an strategischem Denken, wenn die Hütten die Freizeit überdauern sollen. Foto:

Waldacker (chz) - Als es auf dem Blockhüttengelände krachte und splitterte, wurde Betreuern und Kindern wehmütig ums Herz: Die Betreuer setzten die Axt an die  Häuser in der Kinderwaldstadt - das erlebnispädagogische Projekt war dem Wetter und letztlich auch der Bürokratie zum Opfer gefallen.

Die Kinder räumten die Reste zusammen, einen ganzen Berg voller Balken und Bretter, die nun darauf warten, auf ihre weitere Verwertbarkeit hin sortiert zu werden. Morsche Hütten, einst „Bar“, „Bank“ oder „Fitnesscenter“, wurden schon mal umgelegt. Einzig die Kirche widerstand der Axt – sogar die Glocke hängt noch und ruft bei starkem Wind in den tiefen Wald hinein...

Das vorläufige Aus der Kinderwaldstadt, die im Rahmen einer 72-Stunden-Aktion der Urberacher Pfadfinder errichtet worden war, ist auch juristisch bedingt: Sie war die ganze Zeit ohne Baugenehmigung genutzt worden – das soll nun nachgeholt werden. 5 130 Euro muss die Stadt für das Genehmigungsverfahren zahlen, dazu noch 14  000 Euro für Reparaturen und Waldpflegearbeiten sowie 12 000 Euro Anfang kommenden Jahres für die Sanierung. „Aber im kommenden Frühjahr ist die Kinderwaldstadt dann wieder hergerichtet und genehmigt“, versprach Bürgermeister Roland Kern beim jährlichen Eis-Besuch.

Zwei Wochen Kinderwaldstadt-Freizeit gehen einstweilen auf dem Gelände der St.-Nazarius-Gemeinde ein paar hundert Meter über die Bühne, wofür Stephanie Grabs von der städtischen Jugendabteilung dankbar ist. Das Orgateam der Stadtranderholung von St. Nazarius hatte sogar das große Zelt stehen gelassen, in dem gegessen und gewerkelt wird, sowie ein kleines Zelt für die Gruppenleiter.

Die Kinder trauern der alten Waldstadt und ihren (Spiel)-Möglichkeiten nach, doch sie sind auch hier rund um die Uhr beschäftigt und nutzen die Lichtung im Wald nach Herzenslust. Wie immer mit klar definierten Regeln, aber ohne großes Programm. Das braucht’s hier nicht; Waldstadt-Kinder haben immer etwas zu tun. Schließlich gehe es um „Kinder- und Jugenderholung“, Stress sei da nicht gefragt, erläutert Stephie Grabs, die mit den Sozialarbeitern Jutta Winheim und Abdurrahim Demir sowie zwölf Betreuerinnen und Betreuern die beiden Freizeitwochen leitet.

75 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren sind es jeweils. Nch den 40 Teilnehmern im vergangenen Jahr hatte die Stadt die Freizeit auf 80 diesmal. In dieser Woche nutzen sechs Kinder die Frühbetreuung ab 7.30 Uhr, die jeweils von zwei Betreuern geleistet wird. Frühstück und Mittagessen – von einer Catering-Firma angeliefert - gibt’s im großen Zelt.

Dank dem nahen Wald und einer Spende an Kistenholz der Dietzenbacher Firma Kisten-Haas (Verschnittholz, das sonst zu Sägemehl verarbeitet würde) gibt’s auch auf dem Kirchengelände Material in Hülle und Fülle. Binnen weniger Stunden entstehen die ersten kleinen Hütten und Regale, in denen auch gleich wieder der schwunghafte Handel mit Naturgütern wie Kiefernzapfen, Blättern und Blüten einsetzt – dazu ist keine Spielidee vonnöten, darauf kommen Kinder von selber.

Gruppen mit so klangvollen Namen wie „Pfannenwender“, „Plumsklo“, „Maoams“ oder „Gummibärenbande“ wetteifern um Säge, Hammer und Nägel, alles in ausreichender Menge vorhanden, und verschonen sich dabei manchmal auch selbst nicht. Doch sollte die Säge einmal abrutschen, sind alle Betreuer in Erster Hilfe ausgebildet, besonders Diana Cappel, die sogar als Sanitäterin arbeitet, was sich beim neunjährigen Marc schon gelohnt hat - die Säge war doch recht scharf gewesen. Trotz eines tollen Ersatzgeländes freuen sich nun alle Kinder aufs nächste Jahr, wenn die Stadt ihr Versprechen einlöst, dass sie ins alte Kinderwaldstadt-Paradies zurück dürfen.

Quelle: op-online.de

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