Ordensfrauen brachten Fortschritt

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Frisch gestärkt und gebügelt und sehr adrett anzusehen: der Kochkurs des Jahrgangs 1913 in der Urberacher Industrieschule.

Urberach - Wer heute das Recht auf einen Kindergartenplatz für seinen Nachwuchs in Anspruch nimmt, überlegt kaum mehr ernsthaft, ob er sein Kind einem kirchlichen oder einer städtischen Einrichtung anvertraut. Vorrang haben Öffnungszeiten und Kosten. Von Christine Ziesecke

Dabei liegen die Ursprünge der Kindergärten in katholischen Händen und da wiederum bei den Schwestern der Göttlichen Vorsehung.

Seit 110 Jahren ist die Kinderbetreuung fester Bestandteil der Urberacher St. Gallus-Gemeinde. Klammert man die NS-Zeit aus, ist diese Arbeit mit den Schwestern von der Göttlichen Vorsehung verbunden, deren Orden 1851 vom Mainzer Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler gegründet wurde. Sie arbeiteten von Mainz-Finthen aus in Krankenpflege, Kinderbetreuung und Ausbildung junger Frauen in so genannten Industrieschulen.

1966 verließen die Schwestern Urberach

Mit diesem Ziel kamen auch die ersten Ordensfreuen – darunter Schwester Aleta und Schwester Arasma - im Dezember 1902 nach Urberach, das damals etwa 1 600 Einwohner hatte. Zuvor hatte Dekan Johannis beim Kreisamt Dieburg den Bau eines Schwesternhauses samt Nebengebäuden in der heutigen Töpferstraße erwirkt. Die Schwestern eröffneten die erste „Kinderschule“, den späteren St. Josefs-Kindergarten. Ab 1939 übernahmen weltliche Erzieherinnen die Einrichtung.

1966 verließen die Schwestern Urberach, die Kinderbetreuung ging an die katholische Kirchengemeinde. Da sowohl die Kinderzahl als auch die Ansprüche an die Betreuung wuchsen, wurde mit dem St. Gallus-Kindergarten eine neue Einrichtung für rund 100 Kinder gebaut; parallel entstand die Kita Lessingstraße als erster städtischer Kindergarten. 1973 wurde die alte „Kinderschule“ endgültig geschlossen.

Erste Lehrerin wurde die Ehefrau von Martin Schömbs

Neben der Arbeit mit den Kindern stand vor allem die Ausbildung von Frauen im Zentrum der Arbeit der Schwestern, was damals unter dem Begriff „Industrieschule“ lief. Sie sollte junge Menschen – und bei den Schwestern zumeist Frauen – auf das spätere Leben als Mutter und Hausfrau vorbereiten. Für die Urberacherinnen bedeutete das vor allem bessere Ausbildung im Stricken, Nähen, Flicken und Kochen.

Die Ordensschwestern in Urberach schulten bis zum Zweiten Weltkrieg Frauen in Hausarbeiten wie Zuschneiden und Nähen oder Kochen. Auf diesem Gebiet waren sie aber nicht die Ersten: Bereits 1855 hatte der Schulvorstand eine Genehmigung zur Errichtung einer „weiblichen Industrieschule“ bekommen. Erste Lehrerin wurde die Ehefrau von Martin Schömbs, der 1847 als Junglehrer nach Urberach gekommen war. „Wir machen es Ihnen zur Aufgabe darüber zu wachen, daß bei diesem Unterricht vor allem das Nothwendige und Nützliche ins Auge gefaßt wird“, hieß es in einem Schreiben an den Schulvorstand.

In den Archiven des Bistums Mainz wird die spätere Arbeit der Schwestern als Industrieschule erwähnt. Für Kinderschule, Industrie- und Kirchenwäsche erhielten sie eine Vergütung. Sie trugen mit ihrer Arbeit in der Kinderbetreuung und der Vorbereitung junger Frauen auf das Berufsleben wesentlich zur gesellschaftlichen Veränderung in Urberach bei. Halfen sie doch vor allem jungen Frauen eine eigene Ausbildung zu bekommen und damit unabhängiger zu werden und ein eigenes Einkommen zu erlangen.

In Urberach zogen mit dem Ausbau der staatlichen und städtischen Einrichtungen 1966 die letzten der Schwestern aus, doch noch heute sind rund 800 „Schwestern von der Göttlichen Vorsehung“ in verschiedenen Kongregationsgemeinschaften weltweit vertreten.

Quelle: op-online.de

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