Funde sollen aufbereitet werden

Ortsgeschichte in 400 Pappkartons

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Komplette Schädel und Teile davon, Töpfe, Scherben und Bodenfliesen: Egon Schallmayers Funde lagerten bisher entweder im Keller der Kulturhalle oder daheim in seiner Garage. Jetzt sollen sie im „Jägerhaus“ wissenschaftlich aufbereitet werden.  

Ober-Roden - 400 Kisten voller Alltagskeramik, Knochen, Bodenfliesen und Münzen hat der frühere Landesarchäologe Professor Egon Schallmayer zwischen 1984 und 1994 im Zentrum von Ober-Roden ausgegraben. Von Michael Löw 

Darunter befinden sich wertvolle Kacheln, die darauf hindeuten, dass das Kloster Rothaha wohl tatsächlich in der Nähe der St.  Nazarius-Kirche gestanden hat. Am Sonntag werden die Funde erstmals im großen Stil öffentlich präsentiert.

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Rund zehn Jahre hat Professor Egon Schallmayer, Hessens oberster Archäologe, Leiter des Museums Römerkastell Saalburg und zuvorderst ein waschechter Ober-Röder, den Boden rund um den „Rodgaudom“ erforscht. 1984 hat er damit angefangen, Archäologie in kleinen Städten war damals unter Wissenschaftlern noch verpönt. Schallmayer hat diese Disziplin zumindest in Hessen aus der Schublade „Hobby-Heimatkunde“ geholt.

Alter Friedhof schon freigelegt

Seine Baustellen waren das Innere der St.Nazarius-Kirche während der Renovierung, das Freigelände des katholischen Kindergartens und das Grundstück Dieburger Straße 9-11 („Zehnthof“). Hier konnten seine Teams ungestört von Zeit- und Kostendruck privater Bauherren graben. Sie haben auf dem so genannten Kirchhügel unter anderem das Areal frei gelegt, das bis 1842 als Friedhof genutzt wurde. Dort bargen sie das Skelett einer Frau und eines Babys - die Mutter war offensichtlich auf dem Wochenbett gestorben. Das war im 18. und 19. Jahrhundert trauriger Alltag in einem Bauerndorf.

Unscheinbar, aber historisch wertvoller waren Scherben aus karolingischer Zeit. Sie bestätigen, dass der 786 im „Lorscher Kodex“ erwähnte „Niwenhof“ unmittelbar neben dem heutigen Rathaus stand. Ober-Roden wurde also schon vor mehr als 1 200 Jahren von dort verwaltet, wo es auch heute noch verwaltet wird.

Jahrhundertalte Bodenfliesen in Kirche ausgegraben

Als der „Rodgaudom“ Ende der achtziger Jahre renovierungsbedingt nur noch eine leere Hülle war, grub Schallmayer im hinteren Teil der Kirche jahrhundertalte Bodenfliesen aus. Sie waren dermaßen kunstvoll gearbeitet - mehrere zierte ein Lamm Gottes -, dass für Schallmayer klar ist: Das Kloster Rothaha, sozusagen die Ur-Röder Mark, stand mitten in Ober- und nicht in Nieder-Roden, wie dortige Heimatforscher nachzuweisen versuchten.

„Der Kirchenboden deutet in der Tat darauf hin, dass hin, dass jemand viel Geld in die Hand genommen hat“, erklärt Dr. Eveline Grönke Historisches mit Worten des 21. Jahrhunderts. Sie kümmert sich bei Hessen-Archäologie um die Öffentlichkeitsarbeit und bereitet die Ausstellung von Schallmayers Funden im „Jägerhaus“ an der der Trinkbrunnenstraße vor.

Fundstücke geben nur mit Einordnung Auskunft

Sie sind Bruchstücke in doppelter Hinsicht: echte Scherben, teils aus dem 12. und 13. Jahrhundert, zum einen; fast vollständige Gefäße zum andern. Erst wenn die Archäologen sie in Bodenstrukturen, Lebensgewohnheiten und Zeitumstände eingeordnet haben, geben sie Auskunft über das Leben der alten Ober-Röder.

Der Magistrat hatte im April 2013 ein Promotionsstipendium bewilligt. Schallmayers Funde sollen ausgewertet und für die historische Heimatforschung nutzbar gemacht werden. Die Stadt stellt dafür Räume zur Verfügung - das „Jägerhaus“, das sie Ende 2011 für rund 170.000 Euro gekauft hat.

Bürgermeister will Museum mit Werkstatt-Charakter

Bürgermeister Roland Kern möchte es die nächsten zwei bis drei Jahre als provisorisches Museum mit Werkstatt-Charakter nutzen: Der Stipendiat arbeitet die Funde mit Unterstützung von Hessen-Archäologie auf, Neugierige können ihm über die Schulter schauen. Mittelfristig könnte sich Kern dort ein „historisches Stadtarchiv“ vorstellen, in das er auch die bisher in der Halle Urberach gelagerten Dokumente integrieren möchte.

Das „Jägerhaus“ in seinem derzeitigen Zustand ist aber nicht für die öffentliche Nutzung geeignet, räumte Kern gestern ein: Treppen und enge Flure machen es rollstuhluntauglich. Außerdem verbietet die Bauaufsicht, dass sich mehr als ein Dutzend Menschen zugleich darin aufhalten. Deshalb wollen Stadt und Wissenschaft die meisten Funde im Hof oder in der überdachten Einfahrt zeigen. Das „Archäologieschnuppern“ ist Teil des „röderMARKTes“ und findet am Sonntag, 20. Juli, von 11 bis 16 Uhr statt. Egon Schallmayer will den Besuchern die Bodenforschung vom Kirchhügel erläutern.

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Quelle: op-online.de

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