Erste Ideen am Strand gesammelt

+
Die besten Ideen für eine Weihnachtspredigt kommen den Rödermärker Pfarrern an ungewöhnlichen Orten - manchmal sogar im Sommerurlaub, im Auto oder im Bad. Doch danach gibt’s nur eins: ran an den Computer und flüchtige Gedanken zu inhaltsschweren Sätzen formulieren. Sonja Mattes, Seelsorgerin der Urberacher Petrusgemeinde, schreibt an einem mehr als 100 Jahre alten Tisch, den sie vorm Sperrmüll gerettet hat.

Rödermark - Das letzte Geschenk ist verpackt, der Kühlschrank gefüllt und das Raclette-Gerät auf Funktionsfähigkeit geprüft. Jetzt heißt es erst mal herunterfahren, abschalten und wie alle Jahre in die Kirche gehen. Von Christine Ziesecke

Auch wenn die Kirchen bei normalen Gottesdiensten oft eher leer sind: Rund um die Weihnachtszeit strömen die Menschen nur so dorthin. Für die sechs Rödermärker Pfarrer bedeuten diese Tage Schwerstarbeit, denn trotz voller Stellenbelegung und der Mithilfe von Diakon und Prädikanten muss jeder von ihnen zwischen dem vierten Advent und Neujahr rund sechs Gottesdienste halten. Dazu kommt gerade an diesen Tagen eine besondere karitative Verpflichtung wie Krankenbesuche und seelsorgerliche Gespräche.

Wie schafft es ein Pfarrer, eine Pfarrerin, dabei auch noch kreative und inhaltsvolle Predigten zu schreiben, in denen sich jeder Zuhörer wiederfinden kann und genau da abgeholt wird, wo er gerade steht? Wir haben bei Jens Bertram, Carsten Fleckenstein, Klaus Gaebler, Elmar Jung, Oliver Mattes und bei Pfarrerin Sonja Mattes nachgefragt.

„Keine Rede oder Vorlesung“

Buchstäblich auf die letzten Tage lassen es die katholischen Geistlichen Elmar Jung und Klaus Gaebler ankommen: „Ich schreibe meist erst kurz vor dem Fest, um Aktuelles wie den furchtbaren Amoklauf in Newtown einzubeziehen. Ich habe kein festes Ritual, meist entstehen sie am Schreibtisch, und besonders wichtig ist mir die Predigt in der Heiligen Nacht, wenn die Menschen aus der Nacht ins Licht der Kirche kommen“, erzählt Pfarrer Gaebler. Und auch Pfarrer Jung versucht die letzten Geschehnisse hier im Ort und in der Welt mit einzubauen. „Doch es gibt an all diesen Tagen nur eine Botschaft und nur eine Predigt, keine Rede oder Vorlesung – der rote Faden der Weihnacht ist mir wichtig.“ Für Gedankensplitter, „falls mir plötzlich etwas in den Sinn kommt“, hat er Papier und Stift sogar im Badezimmer liegen,

„Eigentlich müssten wir die Predigten entspannt im Sommer schreiben, aber da gibt es ja auch genügend zu tun. Aber es fällt mir nicht schwer, denn wer überbrächte nicht gerne eine frohe Botschaft“, schmunzelt Pfarrer Carsten Fleckenstein. Und das geschieht im Arbeitszimmer am Laptop – zwischenrein, wenn gerade ein Moment Zeit ist.

Zumeist in einer Nachtsitzung bei ruhiger Musik schreibt Pastor Jens Bertram von der Freien evangelischen Gemeinde, und gute Ideen hat er sogar im Auto: „Ich bin auch schon mal rechts rangefahren und hab mir die notiert.“

Zentralen Aussagen natürlich gleich

Das Pfarrer-Ehepaar Sonja und Oliver Mattes hat den Grundstein für seine Weihnachtspredigten im Sommerurlaub gelegt, in T-Shirt am Strand von Norderney. „Die Weihnachtsbotschaft gilt ja immer, und um eine festliche Note zu erreichen, versetze ich mich in Gedanken in eine voll besetzte Kirche, die im Schneetreiben von warmem Kerzenlicht erleuchtet wird!“, ist sich Sonja Mattes sicher. Am schwersten fällt ihr die Predigt zum Krippenspiel in der Gallus-Kirche. „Als Pfarrerin dort auf die Kanzel zu steigen ist eine echte Herausforderung und ich weiß, dass ich nicht über die Jungfrauengeburt predigen sollte.“

Ihr Mann Oliver braucht Druck, deshalb gibt’s auch keine feste Zeit zum Schreiben – oft sind es die letzten Nächte vorm Fest. Besonders gern erinnern sich beide an 2010, als sie am Wochenende vor Weihnachten im Londoner Flughafen eingeschneit waren und festsaßen: „Dort haben wir alle Weihnachtsgottesdienste fertig gestellt!“

Die zentralen Aussagen der Predigten sind bei den sechs Pfarrern – egal welcher Konfession – natürlich gleich. „Die eine gute und wichtigste Botschaft: Gott wurde aus Liebe zu uns ein Menschen, damit wir besser lernen können Mensch zu werden“, formuliert es Elmar Jung. „In Jesus kommt mir Gott entgegen; ich muss mich nicht verstecken“, lautet die Grundaussage seines Amtsbruders Jens Bertram. Und St. Gallus-Pfarrer Gaebler verrät: „Wieder ausgehend von der Menschwerdung Gottes möchte ich über die Menschlichkeit und manch unbegreifliche Unmenschlichkeit predigen.“

Dass Gott seinen Platz in dieser Welt sucht, stellt Pfarrer Fleckenstein in den Mittelpunkt. „Und das wird ihm von uns nicht gerade leicht gemacht.“ Er meint damit die Unmenge an Flüchtlingen, Asylanten und ungeborenen Kindern, die eine ungeheure soziale Sprengkraft darstellen. Positives Zeichen ist für ihn dagegen die große Welle der Mitmenschlichkeit in Ober-Roden nach dem Brand, der drei Reihenhäuser unbewohnbar machte.

Friede, Gerechtigkeit und Fremdsein – die drei Gedanken stehen im Mittelpunkt der Predigt von Pfarrer Oliver Mattes. „Friede auf Erden“ - Gedanken an die Verantwortung aus unserer Geschichte heraus, die zu wenig gewürdigte Auszeichnung des Friedensnobelpreises für die EU und die erneut gestiegene Flüchtlingszahl auch hier in Rödermark. Pfarrerin Sonja Mattes bezieht sich in ihren Predigten in diesem Jahr auf die Verantwortung den Kindern gegenüber: „Gott ist uns an Weihnachten als Kind geboren – in Deutschland entscheiden sich immer mehr Paare, keine Kinder zu bekommen.“ Sparpolitik bei der Bildung und Kinderarmut sind für sie entscheidende Punkte. „Wenn wir kein Herz für Kinder haben, fehlt die Freude in unserer Welt.“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare