Pferdeflüsterer - mal andersrum

Rödermark - Es ist ihm egal. Es interessiert sich nicht dafür. Das Pferd rührt sich nicht vom Fleck. Gutes Zureden nützt da nichts, ebenso wenig, wie dem sturen Gaul sanft auf den Hintern zu tätscheln. „Jetzt müssen Sie energischer werden, zeigen, wer der Chef ist“, ruft mir Armin Probst zu. Energischer? Von Jens Dörr

Und ich soll der Chef von diesem mächtigen Tier hier sein, das viele hundert Kilo mehr wiegt als ich?

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Ich wüsste nicht, was die Pferde-Trainings toppen könnte“, hatte Georg Schwarz eine Stunde vorher erklärt. Der 54-Jährige ist selbstständiger Consultant, berät hinsichtlich Logistik und Vertrieb etwa in den Branchen Getränke und Medizintechnik. Sonore Stimme, selbstbewusstes Auftreten, weißes Haar - Schwarz verkörpert den Typ Führungspersönlichkeit, wie man ihn sich vorstellt. „Ich habe das Training vor einem Jahr gemacht, das wirkt bei mir bis heute nach“, sagt Schwarz. Das ungeschminkte Feedback zur eigenen Führungspersönlichkeit zu bekommen, sei nachhaltig. Besonders, wenn es von Tieren komme.

Daran denke ich nicht, während ich ziemlich hilflos in dem zehn mal zehn Meter großen Quadrat stehe, in der Hand ein Fähnchen, das an einer langen Stange angebracht ist. „Sie befinden sich gleich in einem Bereich, den das Pferd als seine Intimzone betrachtet“, hatte mir Probst zuvor verraten. Genau wie meine Aufgabe: Mit der Fahne als einzigem Führungsinstrument soll ich das Pferd um mich herum im Kreis bewegen. Durch dieses Treiben würde ich mir Respekt verschaffen.

Noch einmal die Rückblende eine Stunde in die Vergangenheit: Auch Jürgen Brückner, Steuerberater und Wirtschaftsmediator, der in seinem Hanauer Büro ein Dutzend Mitarbeiter führt, ist an diesem sonnigen Vormittag in den Rödermärker Stadtteil Messenhausen und dort auf den Hof Akita gekommen. Der 49-Jährige erklärt, dass das Seminar für ihn die Premiere darstellt: „Ich bin mal gespannt, was heute auf mich zukommt.“ 45 Minuten später sieht er vier Pferde um sich herumlaufen. Die imposanten Tiere lassen sich von ihm in aller Seelenruhe Ringe über den Hals streifen. Vertrautheit im Eiltempo aufgebaut.

Nach der Vertrautheit mit „meinem“ Pferd suche ich unterdessen noch. Da denke ich an das, was Probst mir bei der theoretischen Einführung ans Herz gelegt hat: Es gibt keinen generell richtigen oder falschen Führungsstil - vielmehr müsse man ihn der Situation anpassen. Und da meine bisherige Freundlichkeit meinen Gaul bislang so gar nicht beeindruckt hat und ich deshalb tatsächlich auch ein bisschen sauer geworden bin, schwenke ich um: Äußerlich, indem ich die Augenbrauen zusammenziehe, innerlich, indem ich auf den Modus „grimmig“ umstelle. „Ich will jetzt endlich, dass Du läufst, verdammt noch mal“, denke ich. Und sage „Auf geht's!“ in gar nicht mehr verbindlichem Tonfall. Dann gehe ich zwei Schritte in die Richtung, in die mir das Pferd parallel folgen soll - und da beginnt es zu laufen. Erst in langsamem Gang, dann in gemächlichem Trab. Ich gehe kleine Kreise innerhalb der Umzäunung, das Pferd läuft in größerem Bogen um mich herum. Mit der Fahne, vor allem aber mit meinem inneren Wunsch treibe ich das Pferd Runde um Runde um mich herum. Es macht, was ich von ihm will - und es beschert mir ein erhabenes Gefühl.

Sie waren anfangs nicht so bei der Sache, wie es hätte sein müssen“, sagt mir Probst in der anschließenden Analyse. „Das hat das Pferd gemerkt.“ Dann aber habe man richtig gespürt, wie ich auf die weniger freundliche Tour unbedingt wollte, dass das Tier laufe. „Es ist Ihnen in Ihrem Wunsch gefolgt, hat gespürt, dass Sie es jetzt ernst meinen“, erläutert Probst. Dazu bedürfe es keiner Worte, das laufe nonverbal über das limbische System ab. Das stellt eine Funktionseinheit im Gehirn dar, dem etwa die Verarbeitung von Emotionen und das Triebverhalten zugeschrieben werden, genau wie intellektuelle Leistungen.

Soll heißen: Wenn ich authentisch bin, also wirklich zu dem stehe, was ich möchte oder verlange, dann spürt mein Gegenüber das unmittelbar. Dazu müsse man nicht reden. Genau das sei das Tolle, sagt jetzt auch wieder Consultant Schwarz, dass man die Rückmeldung von den Tieren unmittelbar bekomme, sofort erfahre, wenn man zum Beispiel geistesabwesend sei. Und Probst fügt hinzu: „Die Tiere können Sie nicht anlügen, zudem sind sie unbestechlich. Die merken immer, wenn Sie nicht bei der Sache sind oder Ihr äußeres Auftreten nicht mit dem inneren Willen zusammenpasst.“ Das Spannende sei jetzt: „Die Erkenntnisse sind auf den Menschen übertragbar.“

Genau das macht sich Probst bei seinen Pferde-Seminaren zunutze. Insbesondere Führungskräfte möchte er ansprechen, sich bei ihm auszuprobieren. Mit den Seminaren hat sich der 44-Jährige aus dem Münsterer Ortsteil Altheim im vergangenen Jahr selbstständig gemacht, bietet unter dem Unternehmensnamen „interHRim“ aber auch Personalmanagement für Übergangszeiten oder eine externe Personalabteilung für kleine und mittlere Betriebe an. Probst kommt vom Fach, war lange Zeit Personaldirektor bei einem bekannten Konzern. „Dort habe ich sehr gut verdient, hatte aber irgendwann die Nase voll vom dortigen Stil“, sagt Probst. Die Kultur im Unternehmen habe gegen seine Wertvorstellungen verstoßen, es sei viel aufgesetztes statt authentisches Verhalten und selten langfristiges Handeln zu finden gewesen.

Das ist auch etwas, das den Teilnehmern seiner Seminare bewusst werden soll. „Die Pferde halten einem das Spiegelbild vor, wie man wirklich ist“, sagt Probst. „Erkennen muss man es dann alleine, wir geben da nur Hilfestellungen.“ Unterstützt wird Probst, der Trainings über einen oder mehrere Tage anbietet, unter anderem von Uschi Weidenbusch-Baist, die für die praktische Arbeit mit den Pferden zuständig ist. Sie hilft Probst, damit Leute, die manchmal mit Angst in die Seminare hinein gehen, stets ohne Angst herauskommen. Beide haben sich dieselbe Zertifizierung ihrer Seminare erarbeitet.

Ein Clou für die Manager-Seminare ist überdies das Konzept „Falconarius“, mit dem Probst kooperiert: Wenn gewünscht, kommen bei den Trainings auch Greifvögel zum Einsatz, die dann Marion Witte mitbringt, mit der er zusammenarbeitet. Auch in ihrem Ansatz geht es um das „Führen und Managen, um Unternehmensethik und Charisma“. Vor allem aber um die Frage, wie man ein Wesen dazu bringt, etwas zu tun, was gegen seine Natur geht, und anschließend die Parallelen zum Führen im Firmen-Alltag aufzuzeigen.

Ach ja, „mein“ Pferd rennt unterdessen nach wie vor um mich herum. Super, freue ich mich, das ist jetzt ein echter „Selbstläufer“. Langsam schweifen meine Gedanken wieder ab. Es geht um anstehende Hausarbeit. „Ein Salat als Beilage zum heutigen Abendessen wäre nicht schlecht“, denke ich.

In diesem Moment bleibt das Pferd stehen. 

Quelle: op-online.de

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