Bestes Jahr seit zwei Generationen

Pilze groß wie ein Bauplatz

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Das Pilzbestimmungsbuch hat Dr. Rüdiger Werner natürlich nur für unsere Zeitung mit in den Wald genommen. Den Trompetenpfifferling, einen schmackhaften, aber weitgehend unbekannten Speisepilz, identifiziert er auch ohne Hilfe.

Ober-Roden - Wer mit Dr. Rüdiger Werner in den Wald geht, muss auf so manche lehrreiche Überraschung gefasst sein und darf sich auf eine reiche Ernte freuen: 2013 war das beste Pilzjahr seit zwei Generationen. Von Michael Löw

Selbst ein durchschnittlicher Waldpilz braucht soviel Platz wie ein Haus, nämlich 300 bis 500 Quadratmeter. Das ist kein Sammlerlatein, sondern Biologie: Was wir gemeinhin als Pilz bezeichnen, ist nur die sichtbare Frucht. Im Boden darunter erstreckt sich tatsächlich über mehrere hundert Quadratmeter ein weißes Fadengeflecht, das Myzel, quasi seine Wurzeln.

Wer mit Dr. Rüdiger Werner durch den Wald spaziert, muss auf manche lehrreiche Überraschung gefasst sein. Seit 38 Jahren geht er „in die Pilze“. An diesem verregneten Nachmittag liegt sein Revier zwischen den letzten Häusern des Breidert und der Bundesstraße nach Eppertshausen. Ein bei Spaziergängern, Radfahrern und Hundebesitzern gleichermaßen beliebtes Waldstück und entsprechend abgeerntet, denkt der Laie. Und irrt sich.

Schon ein paar Meter vom Wegrand entfernt schneidet Werner den ersten Maronenröhrling ab. „Was dieses Jahr in den Wäldern zu sehen war, habe ich noch nicht erlebt“, schwärmt er vom Pilzjahr 2013, dem angeblich besten seit 60 Jahren. Wenn Rüdiger Werner als Kind in guten Sommern durch den Wald stapfte, brauchte die vierköpfige Familie einen halben Nachmittag, bis sie drei große Körbe gefüllt hatte. Im Oktober 2013 kann er über soviel Mühe nur lächeln: „Das habe ich dieses Jahr mit meinen beiden Kindern in einer Stunde geschafft!“

Heimtückische Vertreter

Höchstens zehn Prozent der Pilze, die in unseren Breiten wachsen, sind giftig. Wird diese Gefahr überschätzt? Nein, sagt Werner und führt als erstes Beispiel den Knollenblätterpilz an, der vor ein paar Tagen erst zwei Frauen aus Braunschweig das Leben kostete. Er ist ein besonders heimtückischer Vertreter seiner Gattung, denn er schmeckt nicht einmal schlecht. Dass er hochgiftig ist, spüren unbedarfte Sammler erst acht bis zwölf Stunden nach dem Essen. Dann ist der Pilz

längst ausgeschieden, sein, sein Gift wütet von da an im Körper. Ohne Lebertransplantation, so Dr. Rüdiger Werner, droht der Tod innerhalb von eins bis zwei Wochen. Der Gallenröhrling macht’s seinem Finder leichter. Denn er riecht und schmeckt so bitter, wie sein Name vermuten lässt. Auch bei Pilzen sind die Farben Rot und Violett wie überall in der Natur Warnsignale an Fressfeinde: Rühr mich nicht an, das könnte Dir nicht gut bekommen!

Schweres Gerät ist verboten

„Auch bekannte Speisepilze sollte man immer braten oder kochen, denn auch sie enthalten Giftstoffe“, gibt Rüdiger Werner eine weitere lehrreiche Überraschung preis. Das Steinpilz-Carpacchio beim Edel-Italiener zwingt aber höchstens empfindliche Mägen des Öfteren aufs Klo. Wie jeder Sammler behält Rüdiger Werner die besten Plätze für sich. Weil dieses Jahr die Ernte schier unerschöpflich ist, verrät er immerhin, wo Steinpilze wachsen: im nassen Laubwald hinterm Ober-Röder Industriegebiet.

Wer dort oder an anderen Top-Stellen Pilze pflückt, sollte sie Sache vorsichtig angehen. Abschneiden oder Herausdrehen? „Das ist egal“, beantwortet Rüdiger Werner eine unter Sammlern gern diskutierte Frage. Verboten sind Schäufelchen oder schwereres Gerät. Denn das Buddeln im Boden zerstört das eingangs erwähnte Myzel: Das riesige Gewirr geht eine Symbiose mit Bäumen ein und hilft diesen, schneller an Wasser zu kommen.

Quelle: op-online.de

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