Und plötzlich regnete es Scheine

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Die Fünfhunderter, die der Motorradfahrer als Finderlohn spendierte, hat Peter Dressel nach wie vor im Portmonee.

Ober-Roden ‐ Wer träumt nicht davon, einmal im Geldregen, inmitten flatternder Euro-Scheine, zu stehen? Peter Dressel ist‘s passiert, allerdings bei Tempo 140 auf der B 45 bei Münster. Von Michael Löw

Der 30-jährige Ober-Röder, Chef einer Firma für Veranstaltungstechnik in Darmstadt, war gerade auf dem Weg zum Baumarkt, als ein Briefumschlag auf seiner Frontscheibe zerplatzte. Weit über 20.000 Euro flogen durch die Luft, nachdem sich der Rucksack eines Motorradfahrers geöffnet hatte.

Peter Dressel („Ein bisschen lebensmüde war das ja schon!“) hielt auf der Standspur an und klaubte Schein um Schein sowie eine Rechnung auf. Mit 19.600 Euro fuhr er bei der Polizeistation Dieburg vor, dank der Rechnung fanden die Beamten den Besitzer der Scheine. Der 49-Jährige aus Mainhausen wollte mit dem Geld ein neues Motorrad kaufen.

Wir sprachen mit Peter Dressel, der mit 18 ein Unternehmen gründete und zugleich mit dem Leistungsturnen anfing, über Ehrlichkeit, Versuchung und sein Verhältnis zum Geld.

Ihr Erlebnis von der B 45 einmal nach hinten gerückt - sind Sie grundsätzlich eine ehrliche Haut? Oder haben Sie ein paar Sekunden lang gedacht, man hätte ja...

In gewissen Situationen kommt man natürlich ins Grübeln. Aber erst mal hatte ich nur den Gedanken gehabt, die Scheine schnellstmöglich einzusammeln und nicht über Behalten oder Abgeben nachgedacht. Hinterher war der Blick auf ein Auto voller Geld verlockend. Ich weiß nicht, wie ich mich gefühlt hätte, wenn ich‘s behalten hätte. Wahrscheinlich hätte ich keine ruhige Minute mehr gehabt. Denn jetzt weiß ich ja: Das ist Geld, das jemand wirklich braucht.

Welche Gedanken schossen Ihnen überhaupt in diesen Sekunden durch den Kopf?

Das Geld von der Straße holen und nicht wie andere Leute einfach drüberfahren. Das war ja ein riesiger Luftwirbel voller Euro-Scheine.

Haben Sie auch nur einen Moment daran gedacht, dass Sie für anderer Leute Geld Ihre Gesundheit oder Ihr Leben riskieren? Oder einen Strafzettel?

Das war doch eine ganz menschliche Reaktion. Bei einem Unfall hält man ja auch an und leistet Erste Hilfe und denkt dann über Konsequenzen nach. Interessant war auch die Reaktion der Polizei. Die hörte nämlich, dass da ein Verrückter auf der Autobahn rumrennt und Geld sammelt. Die haben mir erst einen bösen Anpfiff verpasst, aber die Sache später natürlich mit Humor gesehen.

Das passiert denen ja auch nicht alle Tage.

Wie hat der Motorradfahrer reagiert? Ihnen die 1000 Euro in die Hand gedrückt und fertig?

Der war völlig sprachlos, als er bei der Polizei reinkam, der stand regelrecht unter Schock. Er hat‘s auch erst nach und nach realisiert, dass er soviel Geld verloren hat und jemand anderes es gefunden und abgegeben hat.

Und Ihre Reaktion?

Ist das dein Ernst, habe ich gefragt, als er mir die 1000 Euro gab.

Haben Sie selbst schon einmal von solcher Ehrlichkeit profitiert?

Eigentlich ist‘s eher umgekehrt. Bei unseren Veranstaltungen lassen die Leute alles Mögliche liegen, da können wir tonnenweise Zeug sammeln. Das geben wir beim Fundbüro ab.

Sehen Sie sich nun als großes Vorbild, wie werden Sie von Geschäftspartnern, Familie oder Freunde auf den Geldregen angesprochen?

Mein Sternzeichen ist der Krebs; ich gebe also viel und verlange wenig zurück. Ich freue mich über Anerkennung, will aber nicht bewundert werden. Für meine Firma war die Sache ein Imagegewinn, von dem ich auf Dauer profitiere.

Welche Rolle spielt Geld generell in Ihrem Leben?

Es macht nicht unbedingt glücklich, aber unabhängig. Ich habe mein Geld in zwölf Jahren Selbständigkeit hart erarbeitet. Das ist schon was anderes als wenn man über Nacht zu Geld gekommen ist. Solche Leute hätten die 1000 Euro schon ausgegeben. Ich habe sie noch im Portmonee.

Fundsache Geld

  • Der Paragraph 971 regelt den Finderlohn: „Der Finder kann vom Empfangsberechtigten einen Finderlohn verlangen.“ Das Gesetz sagt auch etwas zur möglichen Höhe. Beträgt der Wert des Fundgegenstandes bis zu 500 Euro, dann sind fünf Prozent Finderlohn angesagt. Liegt der Wert höher, dann sind es drei Prozent.
  • Finderlohn kann sogar eingeklagt werden, wenn der Verlierer nicht zahlt.
  • Achtmal brachten ehrliche Finder seit 2007 Geld zu Linda Taborsky ins Bürgerbüro des Urberacher Rathauses. Der größte Betrag, 205 Euro, wurde heute vor einer Woche abgegeben. Ehrlichkeit hat sich gelohnt: In sechs Fällen durften die Finder das Geld nach einer Frist von sechs Monaten abholen

Quelle: op-online.de

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