Selbstbestimmt bis in den Tod

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Weit mehr Interesse als erwartet fand das Podiumsgespräch über selbstbestimmtes Leben, zu dem die Initiative „Wir sind Breidert“ gemeinsam mit Wolfgang Geiken-Weigt, dem Leiter der Sozialen Dienste Rödermark (stehend), eingeladen hatte.

Ober-Roden - Niemand weiß, welches Ende ihn einst erwartet und vor welchen Problemen seine engsten Vertrauten dann stehen.

Inwieweit gehört mein Leben mir und wie weit darf ich selbst dabei eingreifen, wenn es zu Ende geht? Wie viel Verantwortung darf ich anderen aufbürden? „Sollen selbstbestimmtes Leben und Sterben Grundrechte sein?“ – diese Frage stellte die Quartiersinitiative „Wir sind Breidert“ Fachleuten.

Diplom-Pflegewirtin und Palliativ-Fachkraft Diana Ackermann, Pfarrer Frithjof Decker, geistlicher Beistand in der Alten-, Kranken- und Hospizseelsorge des Evangelischen Dekanats Rodgau, Rechtsanwalt Jörn Breitung und Dr. med. Nikos Stergiou, Ärztlicher Direktor der Asklepios-Klinik Seligenstadt, standen Rede und Antwort.

Für die Initiative Breidert schilderte Hannelore Frehe - schon lange mit Patientenverfügungen und Begleitung Sterbender vertraut - die fast ausweglose Lage: „Selbstbestimmtes Sterben ist bei uns weitgehend nicht erlaubt. Wie kann ich helfen? Was ist möglich, was nicht?“

Sehr hilfreich war für viele der 80 Zuhörer im Graf-Reinhard-Saal die Schilderung von Diana Ackermann, wie heute stationäre Hospizarbeit und ambulante Palliativhilfe arbeiten. So mancher entnahm ihren Schilderungen, dass der Tod in einer recht einsamen heimischen Umgebung – aus der eigentlich kein Sterbender entlassen werden möchte – oft schlimmer sein kann als die liebevolle Aufnahme und Pflege durch geschulte Fachkräfte. „Auch Altenpflegeheime sind oft gute Orte für das Sterben“, unterstrich auch Pfarrer Frithjof Decker. Die richtigen Begleitangebote zu finden betrachtet er als die Herausforderung.

Rechtsanwalt Jörn Breitung erläuterte Arten möglicher Sterbehilfe: die passive sowie die indirekte Sterbehilfe (etwa im Weglassen der Medikamentenzufuhr), die derzeit straffrei bleibt, im Gegensatz zur aktiven Sterbehilfe, die im Gegensatz zu den Niederlanden oder der Schweiz etwa in Deutschland noch mit sechs Monaten bis fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft wird. Noch erlaubt ist derzeit die Beihilfe zum Suizid, weil der Selbstmord nicht als strafbar gilt – hier wird der letzte Schritt noch von den Betroffenen selbst getan. Die zahlreichen Rückfragen aus dem Publikum sprachen für das große Interesse, dem anschließend Dr. Nikos Stergiou mit medizinischen und philosophischen Ansätzen weiter nachhalf: Wo fängt meine Freiheit an und wo hört sie auf? Spätestens da, wo ich andere damit in Not bringe, etwa bei der Hilfe zum Freitod. Er erläuterte intensiv den Begriff des „Gebettet-Seins“ am Lebensabend – sowohl zuhause wie auch in der Gemeinschaft einer Klinik, mit einem Menschen an der Seite, dem man vertrauensvoll und guten Gewissens Entscheidungen im Ernstfall anvertraut.

Der zunächst überraschende, aber unwiderlegbare Schluss, von Dr. Stergiou formuliert: „Wir können den Tod nie besiegen, aber wir können eine Schlacht gewinnen, wenn wir ihn ins Leben zurückholen.“ Das geht nach seiner Sicht niemals mit aktiver Sterbehilfe.

Die überschaubaren Fragen der Zuhörer machten deutlich, dass die vier Profis überzeugend informiert hatten und zur Entscheidungsfindung für jeden Einzelnen beitragen konnten: Was kann ich für mich oder für einen leidenden Mitmenschen leisten, was ist erlaubt, ohne dabei zur Last zu fallen - eine der treibendsten Hintergedanken vieler Menschen, die ihr Lebensende vorzubereiten versuchen.

Der Tenor in den Aussagen sowohl der Bürger als auch der Fachleute: Aktive Sterbehilfe darf keinen Platz in unserer Gesellschaft haben, doch es gilt sich im Vorfeld intensiv mit Möglichkeiten auseinander zu setzen, die erlaubt und ertragbar sind. Allem voran stehen hier sicher die Hospizarbeit sowie ein gutes Umfeld wie es in einem Quartier gegeben ist.

chz

Quelle: op-online.de

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