Prozess um ein fast tödliches Unglück

Handwerker zeigt Reue

Rödermark - Grobe Fehler eines Heizungsbaumeisters haben drei Menschen fast das Leben gekostet. Darüber verhandelte jetzt das Amtsgericht Langen.

Man sieht es nicht, man fühlt es nicht, man riecht es nicht. Kohlenmonoxid ist ein tückisches Gas. Es entsteht, wenn bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe nicht genügend Sauerstoff vorhanden ist. Schon ab einer Konzentration von 0,015 Prozent in der Atemluft treten Schwindel und Kopfschmerzen auf, bei 0,6 Prozent kann nach zehn Minuten der Tod eintreten.

Der Heizungsbaumeister, der als Angeklagter wegen fahrlässiger Körperverletzung in drei Fällen vor dem Amtsgericht Langen sitzt, kennt die Gefahren dieses Gases. Nicht nur deshalb drängt er im Herbst 2015 bei einem Kunden immer wieder darauf, ein von ihm unsachgemäß und provisorisch installiertes Abgasrohr eines Gas-Brennwertgeräts doch endlich durch einen neuen Kamin ersetzen zu lassen. Der Hauseigentümer eines Mehrfamilienhauses in Ober-Roden ließ wegen einer Etagenaufstockung den alten Rauchfang abreißen und gab deshalb die Zwischenlösung in Auftrag. Er zeigt sich von der dringenden Forderung des Fachmanns aber knapp drei Monate lang unbeeindruckt. Bis am 19. Januar 2016 die Katastrophe eintritt. Drei Bewohner des Hauses erleiden eine Kohlenmonoxid-Vergiftung, zwei davon verdanken ihr Leben wahrscheinlich nur der schnellen Hilfe des aufmerksamen Nachbarn, dem dritten Vergifteten.

Amtsrichter Sebastian Uebele verurteilt den Heizungsbaumeister schließlich zu sechs Monaten Haft auf Bewährung. Der bislang nie strafrechtlich in Erscheinung getretene Handwerker trägt die Kosten des Verfahrens und muss 3500 Euro an die geschädigten Mieter zahlen.

Unklar ist, ob gegen den Kunden des Handwerkers ebenfalls ein strafrechtliches Verfahren eingeleitet wird. Er macht im Zeugenstand Gebrauch von seinem Recht zu schweigen. Vier weitere Zeugen und ein Sachverständiger tragen zur Klärung des Sachverhalts aber mehr als ausreichend bei. Auch streitet der Angeklagte nichts ab. Der Kunde sei ein Freund von ihm. Als er auf die Baustelle kommt, liegt die Abgasleitung auf dem Boden, der bisherige Kamin ist schon abgerissen worden. Kurzum verlegt der Meister das Rohr in den Innenhof, lässt den Abgasaustritt knapp einen Meter über dem Boden unter dem Baugerüst enden. Da das Kellerfenster zu niedrig ist, kann er das Rohr aber nicht mit der vorgeschriebenen Steigung von 5 Grad verlegen, sondern muss ein geringes Gefälle einbauen.

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Der nächste Fehler folgt, indem er die Maßnahme weder dokumentiert, noch die Abnahme durch den Bezirksschornsteinfeger beauftragt. Es ist ja nur ein Provisorium – denkt er. Im November stapelt der Bauherr Dämmstoffballen im Innenhof – auch nahe der Abgasleitung. Das sorgt für schlechtere Luftzirkulation am Abgasaustritt. Im Januar kommt eine typische winterliche Inversionswetterlage hinzu. Die kalten Luftmassen drücken nach unten, die Abgase können nun noch schlechter oder gar nicht abfließen. Sie werden mit der Frischluft durch den Zuluft-Ringspalt im Rohr zurück zur Heizung gesaugt. Dadurch kommt es zu einer unvollständigen Verbrennung: Kohlenmonoxid entsteht. Nun kommt die dritte und entscheidende Komponente hinzu. In der Küche im ersten Obergeschoss einer alleinerziehenden Mutter ist ein Loch in der alten Schornsteinwange, das sicherheitshalber durch den Vermieter längst hätte verschlossen werden sollen. Die Abgase der Heizung strömen vom Keller in den Schacht und treten in der Küche aus.

Die 38-jährige Fremdsprachenkorrespondentin erinnert sich: „Ich hatte immer mal wieder Kopfschmerzen, wusste nicht warum. Über das Abgasrohr im Hof war ich auch erschrocken, aber mein Nachbar sagte, das habe eine Fachfirma gemacht, das hat mich beruhigt!“ In der Nacht zum 19. Januar steht sie nachts auf, weil ihr nicht gut ist. Im Flur bricht sie zusammen. Mehrmals versucht sie sich noch aufzurichten, schlägt sich dabei den Hinterkopf blutig, bleibt schließlich vor der verglasten Wohnungstür liegen.

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Der 58-jährige Nachbar aus dem Erdgeschoss hört die Schläge über sich und geht hoch, erkennt sofort, dass etwas nicht stimmt. Auch er leidet an diesem Tag unter Kopfschmerzen. Durch die Wohnungstür ruft er die vierjährige Tochter, doch die schafft es nicht, die Tür zu öffnen. Der Mann ruft die Polizei – wahrscheinlich rettet er Mutter und Tochter damit das Leben. Alle drei Mieter müssen in einer Wiesbadener Klinik zwei Tage in der Druckkammer behandelt werden.

„Mein Mandant bedauert zutiefst, dass Menschen zu Schaden gekommen sind. Er wird einen solchen Auftrag nie wieder annehmen!“ versichert Rechtsanwalt Werner Laudenberger. Worte, die auch Richter und Staatsanwalt überzeugen. Sie gehen nach der reuigen Aussage des Handwerkers nicht von einer Wiederholungstat aus. Auch deshalb wurde die Freiheitsstrafe von sechs Monaten ausgesprochen. Sie liegt am unteren Rand der Skala von bis zu drei Jahren wegen fahrlässiger Körperverletzung. (gel)

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Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa

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