Räuber unter kreuzbraven Bürgern

+
Metzgermeister und Synagogenvorstand Abraomm (Roland Kern, links) und Jekuf von Dieburg (Horst Peter Knapp) unterhalten sich über die Gräueltaten des Schinderhannes, nicht ahnend, dass er hinter ihnen am Tisch sitzt.

Urberach (chz) - Voriges Jahr war"s ein herzerfrischender Mundartabend, mit dem der Rödermärker Heimat- und Geschichtsverein (HGV) die Orwischer Kerb einläutete. Zur diesjährigen, der 30. Kerb neuer Zeitrechnung, war der Aufwand noch eine gewaltige Nummer größer.

Der Legenden umrankte Schinderhannes stand im Mittelpunkt des historischen Szenenspiels, das HGV-Mitglied Horst Peter Knapp geschrieben und mit Hilfe vieler Vereins- und Theaterfreunde aus Seligenstadt zur Aufführung gebracht hat. Jener Abend im Jahre 1801, als dieser Räuberhauptmann mit seinem Freund, dem Schwarzen Lukas, nachweislich im Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ in Urberach übernachtete und dem Trinken und dem Kartenspiel frönte.

Und wo konnte dies besser nachvollzogen werden als vor dem historischen Wirtshaus selbst, mit dem Dalles und allen Gassen rundherum als idyllischer Kulisse? Los ging das Spektakel verspätet, da erst noch weitere Bänke herbeigeschafft wurden – weit mehr Publikum als erwartet drängte sich zwischen die lebensechte Bühne und die Fahrgeschäfte in der Kerbmeile. Das Gasthaus mit seinem Fachwerk, den wunderschönen Buntglasfenstern im Hintergrund und dem Biergarten davor bildete die Zollstation, wo Johann Bückler, wie der Schinderhannes mit richtigem Namen hieß, auf der Durchreise nach einem Raubüberfall in Würges übernachtet hatte. Und nun den kreuzbraven Bürgern bei Bier und Apfelwein und beim Kartenspiel begegnete.

Bilder der Orwischer Kerb

Orwischer Kerb

Von allen Seiten kamen die Darsteller gepilgert, unruhig stand ein Pferd vor der Eingangstür des „Goldenen Löwen“. Eine Postkutsche brachte den kaiserlichen Kommissär aus Wien samt seinen Soldaten, die mit Steckbriefen nach dem Schinderhannes (gespielt vom Seligenstädter Daniel Sattler) suchten. Auch dessen Geliebte Julchen kam mit einem Planwagen angereist.

Das Textverständnis war durch die verschieden gefärbten Dialekte und durchs Ablesen der langen und oft schwierigen Passagen manchmal etwas erschwert, doch das störte im dicht gedrängten Publikum niemanden. Die Geschichte war eh bekannt, die Kleinigkeiten eher nebensächlich - so herzerfrischend der Knapp"sche Text auch war. Wie etwa beim Rat des Wirtes an den Schinderhannes: „Wanner den bescheißd – meschs nix – der iss evvenscheelisch!“

Das Augenmerk der Zuschauer lag eh bei den Darstellern selbst: Bürgermeister Roland Kern etwa, der den Metzgermeister und Synagogenvorsteher Abraham Strauss mimte und schon dank seiner Frisur sehr waschecht aussah, oder der lahme Grischdoff (Thomas Herrmann), der mit seinem Sammelkrug – selbstverständlich echt Orwischer Dippe – durchs Publikum hinkte. Und natürlich der Wirt Matthias Löffler, der seine eigene Rolle spielte. Oder der schwarze Jekuf von Dieburg, grandios von Autor Horst Peter Knapp gemimt, dessen Sohn Patrick derweil den Einspänner fuhr. Tratschende Mägde, in stilechter Tracht auf dem ganzen Platz verteilt, und dazu Sprecher Werner Popp, Regisseurin Patricia Lips sowie Mägde und Bedienungen, die immer wieder ganz selbstverständlich in den Fenstern lehnten – ein sehenswertes Spektakel.

Zusätzlichen Charme gab die Eppersthäuser Gruppe „Saytensprung“ der Szenerie: Sie spielte und sang nicht nur Räuber- und Studentenlieder, sondern trug auch die Moritat des Schinderhannes vor, die Horst Peter Knapp in blutstropfende Zeichnungen umgesetzt hatte und die vom Publikum im Refrain begleitet wurde.

„Endgültig fertig war das Stück wohl am vergangenen Montag um halb Fünf, und wir hatten keine einzige gemeinsame Probe, nur in kleinen Gruppen, dafür wars recht gut!“ freute sich Gelegenheitsschauspieler Roland Kern, und der Schwarze Lukas, der Seligenstädter Matthias Kühn, erzählte, dass er vor zwei Wochen erfahren hatte, dass er mitspielt. Den Text im rheinischen Dialekt bekam er vorigen Sonntag.

Zustande gekommen war die Verbindung zu den Spielern und damit auch den Requisiten des Seligenstädter Kaufsmannzuges, da Horst Peter Knapp in diesem Jahr mit seinem Sohn von Augsburg nach Seligenstadt mit Ross und Kutsche mit dabei war und nun einige seiner damaligen Weggefährten zur Orwischer Kerb gebeten hatte.

Quelle: op-online.de

Kommentare