Abschiebung droht trotz bester Deutschkenntnisse

Asyl nur mit Kugel im Körper?

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Shamsulla Azam beweist seinen Willen zur Integration durch gute Deutschkenntnisse - gesprochen und geschrieben. Trotzdem ist fraglich, ob er hierbleiben kann.

Urberach - Shamsulla Azam flüchtete Anfang 2016 aus Afghanistan nach Deutschland. Nach nur eineinhalb Jahren spricht er nahezu fließend Deutsch, spielt Badminton beim KSV Urberach, hilft im „Brotkorb“ und unterstützt die Sozialarbeit in „seinem“ Flüchtlingsheim in Ober-Roden. Von Michael Löw 

Trotzdem droht ihm die Rückführung in sein vom Terror erschüttertes Heimatland. Gerd und Elenor Blickhan haben sich an den Petitionsausschuss des Landtags gewandt. „Vertrauen mir die Behörden nur, wenn ich eine Kugel im Körper habe?“, fragt Shamsulla Azam verzweifelt und anklagend zu gleich. Der 20-jährige Flüchtling aus Afghanistan ist Deutschland nur noch bis zum 24. August geduldet, nachdem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seinen Asylantrag im Februar abgelehnt hat. Die Behörden halten seine Begründung für vorgeschoben - deshalb fragt Azam, ob nur eine Schusswunde ihn glaubwürdig macht.

Shamsulla Azam hat mit 17 in Kabul sein Abitur gemacht und arbeitete dann für die Amerikaner. Die zogen ihre Truppen ab, die afghanischen Helfer wurden zu Zielscheiben der Taliban. Azam fürchtete um sein Leben und flüchtete Ende 2015. Zu Fuß und in Taxis kam er in den Iran. Anfangs bestand die Gruppe aus 20 Männern, als sie in Istanbul ankam, war sie auf 60 angewachsen. Auf der Balkanroute erwischte der Winter die Flüchtlinge. „Ich ging mit kaputten Schuhen durch hohen Schnee“, erzählt Azam. Wer das Tempo nicht halten konnte, wurde von den Schleusern mit einem Stock verprügelt. In Bulgarien sah Azam zwei Tote aus einer anderen Gruppe am Wegrand liegen. Das sei nicht sein einziges schlimmes Erlebnis gewesen: „Aber ich habe meinen Kopf zugeschlossen.“

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42 Tage war Shamsulla Azam unterwegs. Am 6. Februar 2016 erreichte er München. 7000 Dollar hat er den Menschenschmugglern für die Flucht bezahlt. In einem Ober-Röder Flüchtlingsheim fand der 20-Jährige zumindest vorläufig eine neue Heimat. In der Badmintonabteilung des KSV fand er Anschluss und über diverse Umwege auch Kontakt zu Elenor und Gerd Blickhan. Die pensionierten Lehrer wurden Freunde und Unterstützer. Bei Elenor Blickhan verbessert er seine Deutschkenntnisse weit über das hinaus, was in den Kursen der Behörden vermittelt wird.

„Shamsulla Azam ist ein integrationswilliger junger Mann“, sagt Gerd Blickhan. Er besuchte Helferkurse beim Arbeitersamariterbund und der Feuerwehr, packt in der Lebenmittelverteilstelle „Rödermärker Brotkorb“ an, engagiert sich für die Mitbewohner im Ober-Röder Heim und lernt für den Übungsleiterschein. Als Sportassistent könnte er Trainer beim KSV werden.

Trotz aller Anstrengungen ist Azams Zukunft ungewiss. Er ist rechtskräftig abgelehnter Asylbewerber und muss mit der Abschiebung rechnen, obwohl sein Anwalt einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens gestellt hat. Vorige Woche war Shamsulla Azam ins Kreis-Ausländeramt bestellt worden. Dort füllte er das „Transit Application Form“ der afghanischen Botschaft aus. Das ist einerseits der Antrag auf einen Pass für die Rückführung in sein Heimatland. Hätte er aber nicht unterschrieben, hätte ihm die Behörde unter anderem die Sozialhilfe gekürzt und ihn zur wöchentlichen Meldung im Amt verpflichtet.

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Das Angebot freiwillige Rückkehr gegen Geld hat Azam abgelehnt. Er hofft auf die Wiederaufnahme des Verfahrens und die Bundesregierung, die nach dem verheerenden Bombenanschlag auf die deutsche Botschaft in Kabul Abschiebungen nach Afghanistan vorläufig gestoppt hat.

Gleichzeitig haben die Blickhans und Helfer aus dem „Brotkorb“ einen Appell an den Petitionsausschuss des Hessischen Landtags gerichtet. „Unsere Regierungspolitiker behaupten, dass nicht ganz Afghanistan sicher ist, aber doch Kabul“, schreibt Gerd Blickhan. Zugleich würde Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ihre abgeschotteten Soldaten nur streng geheim in gepanzerten Fahrzeugen besuchen: „Sind das Anzeichen des Vertrauens in einen gesicherten Staat?“

Shamsulla Azams Eltern sind vor ein paar Wochen aus Kabul nach Pakistan geflüchtet. Sie hatten Drohbriefe der Taliban bekommen.

Quelle: op-online.de

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