Powerfrau aus Afghanistan

Friseurmeisterin Lina Habibullah ist eine der Besten ihres Prüfungsjahrgangs

+
Als eine der Besten ihres Jahrgangs hat die in Afghanin geborene Lina Habilbullah (links) bei der Handwerkskammer Frankfurt ihre Meisterprüfung abgelegt. In der Frankfurter Straße hat sie jetzt einen Salon eröffnet und mit Mahnaz Golparvar schon eine Mitarbeiterin angestellt. 

Friseurmeisterin Lina Habibullah ist eine der Besten ihres Prüfungsjahrgangs und will anderen Frauen Mut machen. In Ober-Roden hat sie einen Salon eröffnet. 

Ober-Roden – „Mein Wunsch ist es, dass mein Salon ganz gut geht, damit ich zeigen kann, wie weit man als afghanische Frau hier kommen kann! Afghanen schaffen außer Krieg auch anderes! Es gibt auch dort so viele Powerfrauen!“ Dies ruft Friseurmeisterin Lina Habibullah geradezu heraus. Geboren 1989 in Kabul, darf sie seit dem 17. Dezember 2018 ihren Meistertitel tragen. Dies würdigte auch die Kreishandwerkerschaft Offenbach in ihrem Mitteilungsblatt: Schließlich war die junge Frau schon eine der drei Besten von rund 550 Teilnehmern der Gesellenprüfung 2015.

In Afghanistan hatte Lina Habibullah, die vier Geschwister hat, einen Deutschen geheiratet und war mit ihm – gerade mal 18 Jahre jung – nach Offenbach gezogen. Als Ehefrau bekam sie ohne Probleme ein Visum. In ihrer alten Heimat hatte die Tochter eines Lehrerehepaares trotz Krieg und Terror bis zuletzt die Schule besucht. In der neuen Heimat hat sie erst einmal ein Jahr lang intensiv an der Volkshochschule Deutsch gelernt, ehe sie die Friseurausbildung im „Sibel Hair Salon“ im Zentrum Ober-Rodens begonnen hat.

Nun, wenige Jahre später, ist Lina Habibullah hier ihre eigene Chefin und hat Gesellin Mahnaz Govarpar aus dem Iran, die dort ihre Ausbildung begonnen hatte, mit im Laden. Finanziell geschafft hat"s die mittlerweile geschiedene Friseurmeisterin dank Abendschule und Bundesausbildungsförderung (BAföG), die sie jetzt aber zurück zahlen muss.

Ausruhen war für Lina Habibullah lange ein Fremdwort: „Die Zeit war hart, ich habe mehrere Monate auf einer Luftmatratze geschlafen, morgens von 6 bis 9 Uhr in der Bäckerei nebenan gearbeitet, dann den ganzen Tag hier im Laden und anschließend gelernt. Und jetzt, wo ich meine eigene Chefin bin, muss ich vor allem wegen sehr viel Bürokratie oft bis spät in die Nacht arbeiten.“

Die gebürtige Afghanin fühlt sich längst wie eine Deutsche: „Nur die Bürokratie hier ist erschreckend.“ Für sie heißt das vor allem: Nach langen und anstrengenden Arbeitstagen muss sie stundenlang Papiere wälzen, ausfüllen, rechnen und wieder rechnen. Und sich dabei immer wieder mit Bezahlen herumschlagen: „Mit einem Kredit bei der Sparkasse habe ich die Inneneinrichtung bei meiner früheren Chefin abgelöst. An die muss ich noch ein Jahr lang zurückzahlen und sieben Jahre an die Bank.“

Lina Habibullah bezeichnet sich als „sehr kleinlich“: Alles im Salon muss auch optisch wirklich gut zusammen passen. Deshalb hat sie viel Neues erworben. Frei von Sorgen ist sie aber nicht. „Manchmal glaube ich, ich schaffe es nicht, gerade jetzt im Januar, wo das Geschäft schwach läuft. Dabei lebe ich aber von meinen vielen Stammkunden.“

Diese Stammkunden haben ihr ein rauschendes Eröffnungsfest nach nur wenigen Tagen Renovierung bereitet, für das sie ausgesprochen dankbar ist. „Ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft. Sie geben mir die Sicherheit, dass es klappen kann.“ Aus dem Pool ihrer Stammkunden – viele davon hat sie schon im alten Laden bedient – kommen ihr Menschen bei ihren Arbeiten jenseits von Kamm und Schere zu Hilfe, so etwa bei Steuerabschlüssen.

Ihre Herkunft vergisst Lina Habibuallh nicht. Sie frisiert auch viele Flüchtlinge, und das zu guten Bedingungen. In ihrer Heimat Afghanistan war sie vor zwei Jahren zum letzten Mal; ihre Eltern sind mittlerweile mit den vier Geschwistern in die Türkei geflüchtet. Mit ihnen hat sie oft Kontakt, doch hier ist sie allein.

Aber sie hat vieles von dem, was sie sich gewünscht hat – was ihr noch fehlt, ist der Führerschein, doch das dafür gesparte Geld hat sie erst einmal in den Salon gesteckt. Aber die Powerfrau wird auch das noch schaffen.
VON CHRISTINE ZIESECKE

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare