Macher des Wir-Gefühls

Die guten Seelen der Residenz am Badehaus

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Den zehnten Geburtstag ihrer neuen Heimat in der Ober-Rodener Straße haben die Bewohner herbstlich-fröhlich gefeiert. 

Acht Frauen und drei Männer im Alter zwischen 71 und 92 Jahren sowie eine 54-Jährige sind die guten Seelen der Residenz am Badehaus in Rödermark. Sie organisieren Gymnastik, Musik, Feste und manches mehr. Noch wichtiger ist ihnen das Wir-Gefühl in einem Haus, in dem knapp 60 Menschen leben. 

Urberach – Peter Montwé könnte sich eigentlich gemütlich zurücklehnen. Der 75-Jährige hat seinen Getränkehandel in Ober-Roden längst verkauft und wohnt seit zehn Jahren in der Residenz am Badehaus, die dem Märktezentrum viel näher liegt als dem Namensgeber. Doch Ruhe ist dem Ruheständler fremd. Er ist einer von zwölf Kümmerern, die die Residenz mit ihren 45 Wohnungen zu einer Wohngemeinschaft machen.

„Nein, wir sind nicht einfach eine Gruppe von Eigentümern und Mietern“, beschreibt Charlotte Till (80) das Wir-Gefühl. Sie zog vor zehn Jahren mit als eine der Ersten hier ein. Sie leitet die Stuhlgymnastik mit 15 Teilnehmern pro Woche und fängt eine Qi Gong-Gruppe an. Da hält sich das Interesse noch in Grenzen.

Änne Hilgers ist mit ihren 92 Jahren die Älteste in dem rührigen Dutzend. Die Aachenerin kam erst im hohen Alter nach Rödermark, weil ihre Tochter hier lebt.

Jutta Sterkel könnte ihre Tochter – und die vieler Residenz-Bewohner – sein. Wie kommt man mit gerade 54 Jahren in eine Seniorenwohnanlage? „Meine Mutter hat hier gelebt. Als sie starb, zog ich vor zwei Jahren ein“, erzählt die Musiklehrerin, die unter anderem der Gitarren-AG der Schule an den Linden den Takt vorgibt und im Artemed-Seniorenstift auf der anderen Straßenseite musiziert. In ihrer neuen Heimat ist Jutta Sterkel Chefin der „Residenz-Lerchen“. Dem Singkreis gehören momentan 14 Damen an. Die Männer sind zum Leidwesen von Jutta Sterkel pflegebedürftig geworden oder gestorben.

Ruhe ist den Kümmerern von der Residenz am Badehaus fremd. Lediglich fürs Gruppenbild vereinte Peter Montwé (im roten Pulli) seine Leute auf der Bank am Rand des Weihers. 

Die Residenz am Badehaus besteht aus 45 Wohnungen, in denen etwa 60 überwiegend ältere Menschen leben. Die meisten sind Eigentümer, einige sind Mieter. Die Anlage war ursprünglich für Betreutes Wohnen konzipiert. Das hat sich mittlerweile auf vier Stunden Beratungsmöglichkeit pro Woche reduziert. Anfangs hatte der Betreiber noch Veranstaltungen organisiert, doch das war den Bewohnern irgendwann zu teuer. Zumal die wenigsten damit zufrieden waren, sich hinzusetzen und zu konsumieren, wie es Marianne Obmann formuliert. Die 71-Jährige ist im Kümmerer-Team für Fastnachtspartys, Herbst- und Weihnachtsfeste oder wie kürzlich die Feier zum zehnten Geburtstag ihrer neuen Heimat zuständig. In einem Verein hätte sie das Amt der Vergnügungswartin inne.

Was bringt die Leute dazu, Haus oder Wohnung zu verkaufen und in eine Wohnanlage zu ziehen? Sie geben ja ein Stück Eigenständigkeit auf. „Ich habe meinem Mann vor 50 Jahren versprochen, ihm bis ans Ende der Welt zu folgen. Jetzt sind wir halt von Ober-Roden nach Urberach gekommen“, ulkt Helga Montwé, um gleich danach die 1a-Lage zu betonen: Kino, Schwimmbad mit Sauna, das Wohnzimmertheater Nedelmann, Bahnhof und das Märktezentrum sind nur ein paar Meter weg. Auch den Park am Entenweiher schätzen sie für kurze Spaziergänge. Ihr Mann findet: „Das ist einmalig in Europa!“

Egal, ob Sport, Spiele, Musik oder das gemeinsame Mittagessen, das Erika Rosenberger und Klaus Stange mittwochs und freitags beim „Herschwert“ Peter Knapp bestellen: Trotz vieler Angebote gibt’s auch Residenz-Bewohner, die sich zurückhalten. Die wollen Peter Montwé und seine Leute keineswegs in die Geselligkeit drängen. Aber sie wissen, dass es stille Kümmerer gibt, die im Urlaub die Blumen gießen oder bei Krankheit gucken, ob der Rollladen morgens hochgezogen wird. Bleibt er unten, ist’s ein Zeichen, dass jemand Hilfe braucht.

Ums Sterben reden die 71- bis 92-Jährigen nicht herum. In den Anfangsjahren der Residenz gab’s eine Skatrunde, in der eine Frau mitspielte. Nach einem guten Blatt bejubelte sie ihren Sieg und saß dann plötzlich regungslos auf dem Stuhl. „Sie hat sich zu Tode gefreut“, sagen ihre einstigen Mitspieler. Man hat das Gefühl, sie beneiden die Frau ein wenig um ihr Ende im Moment des größten Glücks.

VON MICHAEL LÖW

Quelle: op-online.de

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