Funde aus 400 Kisten

Alter Kerker auf Kirchhügel?

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Komplette Schädel und Teile davon, Töpfe, Scherben und Bodenfliesen: Archäologie-Stipendiatin Aika Diesch arbeitet die Funde, die Professor Dr. Egon Schallmayer zwischen 1985 und 1991 am Ober-Röder Kirchhügel ausgegraben hat, seit drei Jahren wissenschaftlich aus.

Aika Diesch wertet die Grabungen rund um die St. Nazarius-Kirche in Rödermark aus. Die Funde, die in 400 Kisten lagerten, sind nun digital sortiert.

Rödermark – Aika Diesch wertet mit ihrer Doktorarbeit die Grabungen rund um die St. Nazarius-Kirche in Urberach aus. Die Funde, die in 400 Kisten lagerten, sind nun endlich digital sortiert und auch für künftige Wissenschaftlergenerationen zugänglich.

Der Ausschuss für Familie, Soziales, Integration und Kultur erlebte am Dienstagabend eine spannende Geschichtsstunde. Aika Diesch, seit Oktober 2016 Archäologie-Stipendiatin im „Jägerhaus“, gab einen Zwischenbericht über den Stand ihrer Promotion: Die Doktorarbeit ist der wissenschaftliche Abschluss der Grabungen des früheren Landesarchäologen Professor Dr. Egon Schallmayer.

Über Jahre hinweg hat er seit 1985 den Boden rund um die St. Nazarius-Kirche in seinem Heimatort Ober-Roden untersucht. Seine Baustellen waren das Innere der St.Nazarius-Kirche während der Renovierung, das Freigelände des katholischen Kindergartens und das Grundstück Dieburger Straße 9-11 („Zehnthof“). Hier konnten seine Teams ungestört von Zeit- und Kostendruck privater Bauherren graben. Sie haben auf dem sogenannten Kirchhügel unter anderem das Areal freigelegt, das bis 1842 als Friedhof genutzt wurde. Dort bargen sie das Skelett einer Frau und eines Babys - die Mutter war offensichtlich auf dem Wochenbett gestorben. Das war im 18. und 19. Jahrhundert trauriger Alltag in einem Bauerndorf.

Unscheinbar, aber historisch wertvoller waren Scherben aus karolingischer Zeit. Sie bestätigen, dass der 786 im „Lorscher Kodex“ erwähnte „Niwenhof“ unmittelbar neben dem heutigen Rathaus stand. Ober-Roden wurde also schon vor mehr als 1 200 Jahren von dort verwaltet, wo es auch heute noch verwaltet wird.

Mehrere kunstvoll gearbeitete Bodenfliesen mit dem Lamm Gottes als Motiv sind für Schallmayer der wichtigste Beweis: Das Kloster Rothaha, die Keimzelle der RöderMark, stand mitten in Ober-Roden.

Rodgauer Heimatkundler warfen ihm immer wieder vor, Geschichte aus der Ober-Röder Perspektive zu betrachten. „Diesen Heimatgeist kann man Frau Diesch sicher nicht vorhalten“, sagte Schallmayer nach der Präsentation im Ausschuss. Aber ihr „kritisch-konstruktiver Blick von außen“ bestätige viele seiner Erkenntnisse.

Aika Diesch hat in den vergangenen drei Jahren unter anderem die in 400 Kisten gelagerten Funde in einer Datenbank sortiert. Dabei verknüpfte sie geschriebene Geschichte mit den Bodenfunden. In diese Arbeit flossen siedlungs-, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Untersuchungen ein. Aika Diesch, die an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg promoviert, kann jetzt genau sagen, welche Bruchstücke zu Gebrauchskeramik gehörten oder ob Fliesen im Kirchenboden oder in Öfen verbaut waren. Auch Sonderstücke wie einen Rosenkranz oder Münzen hat sie für künftige Generationen von Wissenschaftlern katalogisiert.

Dem „unglaublich spannenden Material“ bescheinigt Aika Diesch „großes Potenzial“. Auf der Basis von Schallmayers Grabungen könne ihre Promotion eine große Forschungslücke auf dem Gebiet der mittelalterlichen Keramik schließen. Ihr Stipendium in Ober-Roden endet am 30. September 2020. Ob ihre wissenschaftliche Arbeit bis dahin fertig ist, konnte sie am Dienstagabend noch nicht sagen.

Die Diskussion konzentrierte sich bisher auf den vermuteten Kloster-Standort. Aika Diesch erläuterte im Ausschuss noch einen weltlichen Nebenaspekt. Sie griff nämlich Schallmayers Annahme auf, dass es neben der Kirche Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts ein Gefängnis gab. Fundamentreste, die ein Bagger bei den ersten Grabungen 1985 freilegte, ließen diesen Schluss zu. In diesen Kerker wanderten sowohl Kriminelle als auch Verurteilte aus zivilen Verfahren. Gebaut wurde er übrigens gemeinsam von den mitunter rivalisierenden Herrschaften aus Mainz und Hanau. Beide Amtsknechte sollen einen Schlüssel gehabt haben.

VON MICHAEL LÖW

Quelle: op-online.de

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