Wider die Stadtteil-Rivalität

Vor 40 Jahren gründeten sich die ersten Rödermark-Vereine

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Doppelgeburtstag: Der Heimat- und Geschichtsverein feiert am Wochenende seinen 40., das Töpfermuseum seinen 35. Geburtstag. Die HGV-Vorsitzende Patricia Lips machte sich im Gespräch mit unserer Zeitung Gedanken über den Zusammenhang zwischen Vereinsgründung und Rödermark-Gefühl.

Die Rivalität der Stadtteile war in den Jahren kurz nach der 1977er Gebietsreform mehr als Fastnachts-Gefrotzel oder Kerb-Geläster. Ober-Röder und Urberacher achteten peinlich genau auf ihre Eigenheiten.

Rödermark – In diese Zeit fiel die Gründung der ersten Vereine, die das Wort Rödermark im Namen trugen. Der Heimat- und Geschichtsverein (HGV), der am Wochenende seinen 40. Geburtstag feiert, war einer davon. Seine Vorsitzende Patricia Lips war damals noch Schülerin. Doch wenn man mit ihr spricht, hat man das Gefühl, sie wäre schon in der Gründungsphase vorne mit dabei gewesen.

Gemeinsam mit dem Jazzclub und dem Alternativen Zentrum war der Heimat- und Geschichtsverein der erste Rödermark-Verein. Wie schwer war’s denn, 1979 historisch bewanderte Menschen aus den „rivalisierenden“ Stadtteilen zusammenzubringen?

Es bedurfte eigentlich nur eines Impulses, diese Menschen zusammenzubringen. Hier spielte der damalige Bürgermeister Karl Martin Rebel eine wichtige Rolle. Es war ihm offensichtlich wichtig, eine Basis für eine nun gemeinsame Heimat-Geschichte zu legen. Der eine motivierte dann den jeweils anderen zum Mitmachen.

Gleich über die „Grenze“ hinweg?

Jeder zunächst in seinem eigenen Stadtteil. Aber spätestens bei der Gründungsversammlung kamen alle zusammen. Wenn man von Anfang an die historischen Eigenheiten der Stadtteile respektiert und dies in der Arbeit berücksichtigt, dann „rivalisiert“ man nicht: Es zeigt die spannende Vielfalt unserer Stadt.

Wurde ein Verein so zum Vorbild für eine ganze Stadt?

Jeder Verein trägt seinen Beitrag zum Gelingen unserer Gesellschaft bei. Allein die Entstehungsgeschichte des HGV oder sein heimatgeschichtlicher Zweck machen einen Verein nicht zwingend zum „Vorbild“. Aber: Heimat und Geschichte verbindet. Dies spiegelt auch die hohe Zahl von Kooperationen unseres Vereins bei den verschiedensten Projekten mit der Stadt wie auch anderen Vereinen und Verbänden wider. Man könnte sagen: Es trägt wesentlich zum Fundament unserer Arbeit bei.

Was zählen Sie - vom Töpfermuseum einmal abgesehen - zu den Meilensteinen in der nunmehr 40-jährigen Historie?

Der Verein arbeitet heute viel stärker mit Archiven zusammen, und hat auch eigene über die Jahre aufbauen können. Das hat die Arbeit in weiten Teilen verändert. Ganz klar gehört hier unser Fotoarchiv dazu, das von Rita Dutiné vor vielen Jahren begonnen wurde - damals noch ganz ohne Mailverkehr oder scannen. Hinzu kommt nun folgerichtig das Projekt der „Digitalisierung“ unserer Archive.

Das betrifft ja eher das Innenleben des HGV. Wann gehen Sie denn nach draußen?

Unsere Beiträge zum Kerbgeschehen sind heute ein fester Bestandteil im Jahreskalender – um nur ein Beispiel aufzuzeigen. Dazu gehören Theater, Ausstellung, Historischer Kalender, Mundart, Museum und vieles mehr. Wir sind ein Rödermärker Verein und unsere Mitglieder sind seit Jahren in beiden Stadtteilen aktiv, sodass der September immer eine besondere Herausforderung ist. Darüber hinaus fällt es schwer, Einzelprojekte herauszugreifen, da jedes mit einem aktiven Helfer verbunden ist und wert wäre, genannt zu werden.

Aber nichts bringt Sie aus der Ruhe...

Doch, manchmal brauchten wir schon ein dickes Nervenkostüm (lacht augenzwinkernd). Ich zähle der Einfachheit halber ein paar Jahre und Beispiele auf: 1986 Festzug 1 200 Jahre Ober-Roden; 2000 und 2002 Historischer Gallusmarkt mitten in Urberach; 2011 Theaterstück „Schinderhannes“ in Urberach. Für Anekdoten gut ist immer noch die Teilnahme Hessentagsumzug in Dietzenbach 2001. Noch immer beliebt und nachgefragt ist unsere Zusammenstellung und Ausstellung sämtlicher Gasthäuser vor dem Zweiten Weltkrieg aus dem Jahr 2014. Sehr aufwendig und nicht nur für das Archiv war die Aufarbeitung der jeweiligen Schulgeschichte in den Stadtteilen, die wir 2015 in Angriff genommen haben.

Und was wünscht sich die HGV-Vorsitzende für die nächsten Jahre? Vielleicht einen Ort, an dem die vielfältigen archäologischen Funde von Professor Egon Schallmayer präsentiert werden können?

Grundsätzlich freuen wir uns auf weitere Heimatfreunde in unserem Verein. Die Betätigungsfelder sind inzwischen vor und hinter den „Kulissen“ so vielfältig geworden, dass wir jede Unterstützung begrüßen. Zum zweiten Teil der Frage: Als HGV-Vorsitzende würde es mich natürlich freuen, wenn ein weiterer Teil der Geschichte durch diese Funde öffentlich zugänglich gemacht werden könnte. Ich war damals zeitweise bei den Grabungen am Ober-Röder Kirchhügel dabei - das verbindet auch persönlich mit diesem Thema. Gleichwohl ist die Einrichtung eines weiteren Museums und/oder Schauraumes die eine Sache. Sie liegt in den klugen Händen der Kommunalpolitik. Damit verbunden ist aber auch wie schon beim Töpfermuseum das weitere Verfahren wie die Betreuung einer Einrichtung.

Das Gespräch führte Michael Löw.

Quelle: op-online.de

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