Bohrhammer statt Meißel

Urberacher Unternehmen modernisiert das „Werkzeug“ Software

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Papierloses Büro: Programmierer Andreas Walter hat seinen Schreibtisch nicht wegen des Fotos für das Firmenporträt aufgeräumt – er kommt bei der Arbeit tatsächlich ohne Papier aus.

In den „Rennwiesen“ hat sich ein Modernisierungsspezialist angesiedelt wie es ihn weltweit höchstens drei oder vier Mal gibt. Die Firma fecher – mit modischem kleinem Anfangsbuchstaben – macht die Software von Unternehmen fit für die Zukunft.

Urberach – Klingt zunächst einmal sehr theoretisch. Doch Geschäftsführer Günter Hofmann erklärt’s leicht verständlich: „Stellen Sie sich vor, Sie haben vor 20 Jahren ein Haus gebaut und modernisieren es ständig. Aber Ihre Handwerker arbeiten immer noch mit Hammer und Meißel, während die Kollegen bereits den Bohrhammer und die Laser-Wasserwaage einsetzen.“ Veraltetes Werkzeug frustriert selbst hoch motivierte Mitarbeiter, sie verlassen das Unternehmen. Und das kostet Know-how und Geld. „So etwas kann Firmen in existenzielle Nöte bringen“, warnt Hofmann.

fecher, vor mehr als 30 Jahren im Rodgauer Stadtteil Jügesheim gegründet, erstellt nach den Vorgaben des alten Programms eines mit neuester Technologie – ohne dass es neu entwickelt werden muss. Funktionalität und Bedienbarkeit bleiben auf dem bewährten Niveau. Wenn Hofmanns Leute gut arbeiten, merken das die Softwareanwender der Kunden nicht. Vor allem: Sie müssen keine neuen Handbücher wälzen. Und finden sich trotz Neuerung schnell zurecht. Diese Modernisierung, so Hofmann, braucht ein Viertel der Zeit, die der Neubau des Programms verschlungen hätte.

Den technischen Vorgang vergleicht der fecher-Chef mit einer Übersetzung. Aber nicht vom Deutschen ins Englische, sondern vom Altgriechischen oder Lateinischen ins Englische. Für viele Worte gibt es keine direkte Übersetzung, trotzdem muss der Sinn eines häufig sehr umfangreichen Textes zu 100 Prozent erhalten bleiben. Dann ist die Software aktuell für die nächsten 20 Jahre – ein wertvoller Aspekt für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.

Für die sogenannte Software-Migration auf eine neue technologische Basis benötigt man idealerweise Leute, die Kenntnisse in den alten sowie neuen Programmiersprachen haben. Davon gibt es nicht besonders viele. Deshalb sucht Günter Hofmann ständig neue Mitarbeiter, am liebsten Fach- oder Wirtschaftsinformatiker und Softwareentwickler. „Gerne auch Leute über 40, weil die die alten Techniken noch im Griff haben“, wirbt Gerhard Schickel, der Leiter des zweiten Geschäftsbereichs „hunter“, in eigener Sache um Personal.

„hunter“ – abgeleitet vom englischen Headhunter (Kopfgeldjäger) – ist eine Softwarelösung für Personalberater und Personalverantwortliche in Unternehmen. Sie hilft, passende Kandidaten für hoch qualifizierte Jobs zu finden, managt Bewerbungsverfahren und Projekte und erledigt die Verwaltungsabläufe. „hunter“ steuert etwa 30 Prozent zum fecher-Umsatz bei.

Den Löwenanteil erwirtschaftet der Urberacher Modernisierungsspezialist im Kerngeschäft mit Großkonzernen wie Fujitsu Technology Solutions oder GE Healthcare, Behörden wie der Bundesnetzagentur sowie mit Banken oder Krankenkassen. Paradox: Manche Kunden kommunizieren die Modernisierung ihrer Software durch die Firma fecher ganz offen. Andere wollen nicht auf der Referenzliste erscheinen. Denn sie werben bei Kunden und Mitarbeitern häufig lieber mit einer Neuentwicklung als mit einer „renovierten“ Lösung.

fecher hat Kunden in mehr als 30 Ländern. Sein größtes Projekt hat das Unternehmen in Japan realisiert. Und obwohl es sich um eine Investition in siebenstelliger Höhe handelte, haben die fecher-Leute kein einziges Wort mit dem Kunden gesprochen, sondern nur E-Mails ausgetauscht.

Grundsätzlich aber schätzt Günter Hofmann den persönlichen Kontakt. Besonders interessant findet er die Pausengestaltung in den verschiedenen Ländern während seiner geschäftlichen Reisen zu internationalen Kunden. Zwei Beispiele gefällig? In Mailand ging’s schon um 11 Uhr zum Espresso raus aus dem Unternehmen des Kunden, später schloss sich ein ausgedehntes Mittagessen mit Wein an. Seine kanadischen Geschäftspartner führten ihn zu Fritten und Burger in eine Sportsbar und waren so freundlich, dass er das Projekt am liebsten verschenkt hätte. Die Deutschen beschreibt Hofmann mit drei Worten: „Kantine, sehr fokussiert.“

Doch egal, was es zu essen gibt: Oberstes Ziel von fecher ist es, über Jahre und Jahrzehnte gewachsene, individuelle Geschäftssoftware zu modernisieren.

VON MICHAEL LÖW

Quelle: op-online.de

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