Kultur für viele Geschmäcker

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Schon die Hülle des „Art Centers“ ist ein Kunstwerk. Die Firma Videor hat ihr Museum in der Carl-Zeiss-Straße mit großflächigen Digitaldrucken verpackt.

Rödermark - Tiefgefrorene Blüten und verfremdete Nackte, heimelige Winterlandschaften und pausbäckige Kinder mit Kulleraugen, gebrannte Zeugnisse heimischer Handwerkskunst - die Gegensätze könnten kaum größer sein. Von Michael Löw

Im doch recht kleinen Rödermark sind drei Museen zu Hause, und alle sprechen ein ganz anderes Publikum an. Zum 35. Internationalen Museumstag, der morgen begangen wird, bummelten wir durch das „Art Center“ des High-Tech-Unternehmens Videor, Europas einziges Sammeltellermuseum und natürlich das Töpfermuseum in Urberach.

Erfreulich für die finanziell arg gebeutelte Stadt: Die beiden Firmenmuseen kosten sie keinen Cent. Lediglich für Heizung, Strom, Wasser und gelegentliche Reparaturen des Töpfermuseums steht ein knapp fünfstelliger Betrag im Haushalt.

„Valdin“ macht das Häfner-Handwerk Kindern anschaulich

Der frühere Faselstall, von dem später die Urberacher Feuerwehr ausrückte, ist denn auch das älteste der drei Museen. Es öffnete seine Türen am 1. September 1984. Damals hatte die Stadt noch Geld genug, um den Urberachern jedes Jahr an Kerb ein Geschenk zu machen. Um die Ausstellung im Obergeschoss kümmerte sich von Anfang an der Heimat- und Geschichtsverein. „Wir haben immer wieder neue Exponate gekauft, in den Vitrinen befindet sich kaum noch ein Stück aus diesen frühen Tagen“, berichtet Vorsitzende Patricia Lips vom ständigen Wandel.

Im Töpfermuseum packen die HGV-Vorstandsmitglieder Patricia Lips und Norbert Cobabus beim Umdekorieren der Ausstellungen mit an.

Urberacher Töpfereien und Familien steuerten irdenes Geschirr aus alten Tagen bei, Museen aus Dieburg und Dreieich schickten Leihgaben in die Bachgasse.

„Valdin“ macht das Häfner-Handwerk auch Kindern anschaulich, die noch nie eine Töpferei von Innen gesehen haben. Der schnauzbärtige Geselle ist übrigens die Schaufensterpuppe eines Geschäfts für Damenmode. Ferdinand Mieth und Franz Kern haben ihr 1997 zu männlich-markanten Zügen verholfen.

Der frühere Bürgermeister Alfons Maurer erklärte das Töpfermuseum vor Jahren zum Trauzimmer, um dem Wunsch nach Heiraten außerhalb von Amtsstuben Rechnung zu tragen.

Ernst Hartig, Gründer der Firma Videor Technical (heute Videor), war und ist nicht nur Unternehmer, sondern auch Künstler und Kunstmäzen. Das im August 2008 eingeweihte „Art Center“ zeigt rund 300 Exponate, die digital - also am Computer kreiert oder mit dem Computer bearbeitet - entstanden sind. Hartig selbst stellt großformatige Fotodrucke zum Beispiel von Blüten aus, die aus Eisblöcken heraus schmelzen. Kreative Geister aus der halben Welt sind in Ober-Roden mit ihren Arbeiten vertreten.

Platz für 1 500 Sammelteller

Zeitgenössische Kunst erschließt sich dem Betrachter bekanntlich etwas sperrig. Im „Art Center“ steht sie nicht einfach in Vitrinen. Die Sammlung ist vielmehr ein riesiges Hängeregister, in dem die Besucher stöbern können, dürfen und müssen. Die schwebenden Schränke der Bradford Exchange bieten Platz für 1 500 Sammelteller von Malern aus 18 Ländern.

Sie alle werden auch an der Börse - nichts anderes heißt ja Exchange - gehandelt. Optisch ist die Sammlung exakt das Gegenteil der Digitalkunst aus dem „Art Center“: heimelig, naiv, mitunter etwas kitschig. Die Teller sprechen ein eher älteres Publikum an. Und da liegt zum Leidwesen des Bradford-Managements die Crux von Börse und Museum. Denn neue Sammler und Besucher werden immer seltener.

Quelle: op-online.de

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