Zahlen können Kunst sein

Jürgen Wolff hat die dritte Dimension für seine Werke entdeckt

Jürgen Wolff hat nach seinen „Codierungen“ nun Drachenvierecke verschiedenster Art und Größe im Visier. Sie werden mit Fineliner und Cutter gestaltet. Foto: Ziesecke
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Jürgen Wolff hat nach seinen „Codierungen“ nun Drachenvierecke verschiedenster Art und Größe im Visier. Sie werden mit Fineliner und Cutter gestaltet.

Durch Zahlenverhältnisse eine Harmonie erreichen, die in fast jedem Sein steckt – das klingt für Menschen mit einem eher wenig ausgeprägtem Kunstverständnis zwar spannend aber eher nicht nachvollziehbar.

Urberach –  Für Mathematiker ist das schon eher ein Spaß; und wenn Kunst und Mathematik so anschaulich verbunden sind, ist es einfach eine Augenweide und heißt „digitalisierte Harmonie“.

Der in Urberach geborene und noch immer hier lebende Künstler Jürgen Wolff (64) hat für sich selbst daraus eine Wissenschaft gemacht, die er zunehmend verfeinert. Zwei Ausstellungen in den vergangenen Jahren im Bücherturm haben das auch dem Laien bewiesen.

Inzwischen ist er aber über die Symmetrien der „Codierungen“ – so der Titel seiner jüngsten Ausstellung, deren Werke großteils an allerfeinste Fadenspiele erinnerten – hinaus. Seit zwei Jahren etwa hat er sich der Dreidimensionalität verschrieben. Waren die „Codierungen“ zweidimensional und noch mit Fineliner und Tusche, aber zunächst weitgehend am Rechner entstanden, so arbeitet er jetzt ausschließlich von Hand und in letzter Instanz mit dem Cuttermesser.

Die Kunstwerke des Autodidakten Wolff entstehen, indem er Proportionen in Zahlen umsetzt, diese auf (zumeist) Vierecke umsetzt und letztlich eine der entstehenden Ebenen aus dem zweidimensionalen Bild herausklappt. Das ist eine optische Herausforderung für den Betrachter, der sich erst daran gewöhnen muss, ein eigentlich flaches Werk neu zu sehen. „Wenn ich das willkürlich nach Schönheit machen würde, würde es nicht stimmen. Jetzt mache ich erst einen Zahlenplan – dann kommt das heraus. Wenn ich die Definition der Zahlen festlege, weiß ich noch nicht, was letztlich herauskommt“, erläutert der Künstler.

Die Basis seiner Arbeiten ist meist das „Drachenviereck“, eine Raute in Drachenform. Die Definition der Zahlen ist bei ihm willkürlich, etwa 8 : 4 = 2; daraus ergibt sich für ihn die Basis aller weiteren Papierschnitte. Die Zahlenreihen, die hinter den Schnitten stehen, notiert er und hebt sie auf für weitere Arbeiten.

„Der Mensch ist immer darauf gepolt, eine optische Gebundenheit herzustellen. Ich glaube, dass auch die Innenmaße im Menschen vorgegeben und mit Zahlen verbunden sind.“ Wolff versucht vieles – so hat er etwa die sogenannte „Eulersche Zahl“ (eine Konstante in der Differenzial- und Integralrechnung) in eine Grafik umzusetzen.

Aus der Fläche wächst eine Figur hervor: Der Urberacher hat die dritte Dimension für sich entdeckt. Foto: Ziesecke

Lassen ihn diese ständigen optischen und mathematischen Umsetzungen, an denen er mindestens vier Stunden täglich arbeitet, eigentlich auch gelegentlich los? „Ich kann gut abschalten – aber es ist auch ein schönes Gefühl: Morgens beim Wachwerden kommen mir viele Ideen und Bilder vor Augen.“

Jürgen Wolff hat es als Künstler geschafft. Er wünscht sich zwar immer noch, endlich zumindest mal „null auf null“ hinzukommen: „Wer nur von der Kunst leben will, muss Arbeiten nebenher machen.“ Doch die Ausstellungen mehren sich. Rödermark ist nur die Vorstufe gewesen für Werkschauen in Lienz in Österreich, in Homburg/Saar, oder zuletzt im Dezember im Kunstraum Roy in Görlitz.

2020 plant der Urberacher Ausstellungen in Karlsruhe und in Mailand.

Neu und inzwischen nicht nur beim Künstler selbst, sondern auch in der Nationalbibliothek sowie für 29 Euro im Buchhandel erhältlich ist sein Buch „Dynamics + Numbers“. Bei Naumann Beck im „Verlag für kluge Texte“ erschienen, war es ihm gelungen die „Eulengasse“, den Verein zur Förderung zeitgenössischer Kunst und Kultur, als Herausgeber begeistern zu können.

In dem Buch sind ausschließlich Zeichnungen dargestellt; die Papierschnitte mit all ihren Varianten sind noch zu „jung“. Das Buch erschien zunächst in einer Auflage von 500 Exemplaren. Interessant ist der Katalog vor allem für die Sammlergemeinschaft von Malern, Museen und Kunstvereinen, aber auch für Kunstinteressierte.

VON CHRISTINE ZIESECKE

Quelle: op-online.de

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