„Ehrlich: Mir wird schlecht!“

Kritik von SPD-Chef Karademir an türkischer Regierung

Rödermark - Die deutsch-türkischen Beziehungen sind mies wie noch nie. Kein Wunder - Präsident Erdogan regiert wie ein Diktator und beleidigt die Deutschen mit Nazi-Vergleichen.

Das tut auch vielen der in Rödermark heimisch gewordenen Türken, von denen etliche deutsche Staatsbürger sind, weh. Sie bilden die mit Abstand größte ausländische Einwohnergruppe, stellen die überwiegende Mehrheit im Ausländerbeirat und engagieren sich in mehreren deutsch-türkischen Vereinen.

Rödermark-Redakteur Michael Löw sprach mit Hidir Karademir über ein mehr als belastetes Verhältnis. Karademir, am 1. April 1954 in der Türkei geboren, kam als junger Mann nach Deutschland. Er ist seit vielen Jahren SPD-Vorsitzender und Stadtverordneter und wirbt für eine Partnerschaft zwischen Rödermark und seiner Heimatstadt Hekimhan. Der Deutsch-türkische Freundschaftsverein, den Hidir Karademir mitgegründet hat, organisiert am 23. März eine Diskussionsveranstaltung unter dem Titel „Wohin steuert die Türkei?“. Zwei hochkarätige Experten kommen dazu nach Urberach.

Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung am 23. März?

Bis vor Kurzem war die Türkei ein Kandidat für die Vollmitgliedschaft an die EU. Die Entwicklungen in den letzten sieben Jahren haben sie von diesem Ziel um Jahre entfernt. Nicht nur die EU-Mitgliedschaft ist in die Ferne gerückt, sondern auch das demokratische Staatsprinzip. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Türkei sind zur Zeit vergiftet. Deshalb wollen wir zwei Ziele erreichen: Wir wollen die Öffentlichkeit über diese Entwicklungen mit Fachleuten informieren. Und wir wollen dokumentieren, dass wir diese Entwicklungen nicht gut heißen.

Sind die Standpunkte zwischen Deutschland und der Türkei nicht schon zu weit auseinander getrieben?

Ja. Aber beide Länder sind auf einander angewiesen. Sie benötigen gegenseitig gute Beziehungen. Mehr als drei Millionen türkischstämmige Menschen leben in Deutschland und haben hier Wurzeln geschlagen. Sie sind ein fester Bestandteil von Deutschland. Sehr viele demokratisch eingestellte Menschen leiden unter diesem miserablen Zustand. Die deutsche Regierung muss der türkischen Regierung deutlich machen: Bis hier, aber nicht weiter.

Wie könnte ein erneutes Aufeinanderzugehen aussehen?

Alle Fakten sprechen für eine gute Beziehung zwischen beiden Ländern - nicht nur wegen besagter drei Millionen Menschen. Deutschland ist auch der größte Handelspartner der Türkei. Die Türkei braucht Deutschland mehr als Deutschland die Türkei. Daher wird es kein großes Problem sein, die Lage zu beruhigen.

Hat sich nach Erdogans Nazi-Vergleich die Städtepartnerschaft zwischen Rödermark und Hekimhan erledigt?

Jeder Nazi-Vergleich mit dem jetzigen Deutschland ist inakzeptabel, infam und absurd. Aber die Machenschaften von Erdogan haben sehr viele Parallelen mit Nazi-Praktiken. Jede Opposition ist niedergeschlagen. Viele Erdogan-Kritiker - Journalisten, Politiker, Vertreter von Nicht- Regierungs-Organisationen, selbst Industrielle - sind verhaftet. Im Land gilt seit 20. Juli 2016 der Ausnahmezustand. Die Türkei wird per Dekret regiert, die Gegner des Präsidialsystems werden regelrecht unterdrückt. Ich weiß über die türkischen Nachrichten, dass es täglich mindestens 90 Versammlungsverbote gibt. Ausgerechnet dieser Mann wirft Deutschland Nazi-Praktiken vor. Unmöglich!

Kommen wir zu Hekimhan zurück...

Ich hoffe nicht, dass sich die Partnerschaft erledigt hat. Natürlich ist die Bevölkerung in Rödermark über diesen ungeheuerlichen Vergleich gekränkt. Wir dürfen aber die Demokraten in der Türkei nicht im Stich lassen. Jetzt ist diese Partnerschaft nötiger als zuvor.

Können Sie das Land, in dem Sie geboren wurden, noch guten Gewissens als Urlaubsziel empfehlen? Oder würde ein Reiseboykott Herrn Erdogan zur Vernunft bringen?

Das Land kann ich empfehlen. Aber nicht zur Zeit. So lange Präsident Erdogan regiert, und von der Bevölkerung große Unterstützung erfährt, sollten Reisen vermieden werden. Ich hoffe, dass die türkische Bevölkerung dann endlich kapiert, dass dieser Mann für die Türkei eine unerträgliche Belastung geworden ist.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie in diesen Tagen den türkischen Präsidenten oder seine Minister reden hören?

Um es ehrlich zu sagen: Mir wird schlecht. Sie sind Heuchler. Sie benutzen die Errungenschaften der Demokratie, um die Demokratie abzuschaffen. Wir dürfen die Feinde der Demokratie nicht unterstützen.

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Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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