Stadt lädt zu Jakob Hechts Fest ein

90. Geburtstag wird auf Acker gefeiert

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Jakob Hechts Schulkamerad Heinrich Erter - hier im Gespräch mit Rudi Reichenbach von der Initiative „Stolpersteine“ - schilderte Hecht als ein stilles Kind. Zu dem lebenslustigen Mann, den viele Ober-Röder nach dem Krieg kennenlernten, wurde erst in Israel.

Ober-Roden - Ein Acker war bei Wind und Wetter Schauplatz der wohl ungewöhnlichsten Gedenkstunde für einen jüdischen Bürger, der den Naziterror überlebt hat. Rödermark feierte den 90. Geburtstag von Jakob Hecht auf dem Grundstück seiner Familie. Von Michael Löw

Das war - ebenfalls ungewöhnlich - der Arisierung entgangen. Jakob Hecht wäre am 28. Februar 90 Jahre alt geworden. Der Sohn der jüdischen Schuhhändlerin Berta Hecht aus der Frankfurter Straße entkam 1939 als Zwölfjähriger dem Rassenwahn der Nazis, der viele Familienmitglieder das Leben kostete. Ein Kinderrettungswerk verhalf ihm zur Flucht nach Palästina. Nach dem Krieg kehrte er immer wieder nach Ober-Roden zurück und besuchte Nachbarn und Freunde. 2001 starb Hecht in Israel.

Am Mittwochnachmittag feierte die Stadt den 90. Geburtstag eines Juden, der trotz unendlichem Leid seine deutsche Heimat nie verleugnete. Mitten im Ober-Röder Feld stand ein Campingtisch mit einem Blech Streuselkuchen. Und genauso ungewöhnlich wie die Umgebung war das Geburtstagsständchen: Statt trauriger Klezmermusik erklang „Happy Birthday“.

Der Acker an der „Birkenwiese“ war der Nazi-Bürokratie entgangen und ist heute noch immer auf den Namen der Familie Hecht eingetragen. „Ein schmales Handtuch“, beschrieb Bürgermeister Roland Kern Hechts Erbe.

So gedenken wohl die wenigsten Städte ihrer ermordeten oder vertriebenen jüdischen Einwohner: Bürgermeister Roland Kern schnitt mitten im Ober-Röder Feld den Geburtstagskuchen für Jakob Hecht an, der am Fastnachtsdienstag 90 Jahre alt geworden wäre.  

Zu den Gästen des Geburtstagskaffees unter grauen Regenwolke gehörte Jakob Hechts früherer Schulkamerad Heinrich Erter. „Wir hatten ja nur eine kurze Zeit, dann musste der Jaky ja weg.“ So schilderte der alte Herr die gemeinsamen Jahre an der Ober-Röder Volksschule, von der Hecht 1936 verwiesen wurde. Eine Episode ist Heinrich Erter in Gedächtnis haften geblieben: Die Kinder mussten ihren Lehrer damals mit „Heil Hitler“ grüßen. Jaky Hecht riss den Arm nicht stramm vorne hoch, sondern streckte ihn nach rechts aus. „Das hieß ,Leck mich am ....’“, erzählte Erter. Der Sohn eines Kommunisten kannte die vorsichtigen Zeichen des Ungehorsams von zu Hause.

Aber auch die „roten“ Familien halfen ihren jüdischen Nachbarn höchstens heimlich, indem sie ihnen ein paar Lebensmittel oder Kleider zusteckten. Heinrich Erter: „Mein Vater hielt den Mund, sonst wäre er fortgekommen!“ Was das in den späten Dreißigerjahren hieß, war klar.

Jakob Hecht hielt bei seinen späteren Deutschland-Besuchen Kontakt zu den Familien von Adam Mieth und Adam Schrod sowie dessen Tochter Elisabeth Wilhelm. Die kümmerte sich auch um den Acker an der „Birkenwiese“ und bezahlte die Grundsteuer von knapp 2,40 Mark. Von dieser Pflicht ist sie mittlerweile befreit. Die Stadt treibt Steuern erst ab 2,50 Euro ein.

Den wahrscheinlich wichtigsten Satz der Geburtstagsfeier sagte Heinrich Erter: „Der Mensch muss verzeihen können!“ Damit beschrieb er die wichtigste Charaktereigenschaft seines einstigen Klassenkameraden.

Quelle: op-online.de

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