Musiker spielen im Riesenaufzug

Besondere Räume: Orchestergraben und Künstlergarderoben der Kulturhalle

Künstlergarderoben der Kulturhalle 
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Künstlergarderoben der Kulturhalle 

Nicht jeder Raum in einem öffentlichen Gebäude ist auch öffentlich zugänglich oder der Allgemeinheit bekannt. Aber es gibt auch Räume, in denen viele Leute ein- und ausgehen, ohne zu wissen, was ihr Name bedeutet oder welche Funktion sie ursprünglich hatten. In unserer Sommerserie blicken wir hinter oft verschlossene Türen.

Rödermark – Ein besonderer Raum in der 1995 eröffneten Kulturhalle ist die Künstlergarderobe. Damit die letzten Minuten vor dem Auftritt für Schauspieler, Sänger oder Kabarettisten möglichst entspannt verlaufen, setzt das Kulturhallenteam auch auf den Wohlfühlfaktor.

Genau genommen besteht die Künstlergarderobe gleich aus mehreren Räumen. Zu den drei identisch eingerichteten Zimmern mit jeweils drei Plätzen, in denen sich in den Anfangszeiten der Halle unter anderem Volksschauspielerin Heidi Kabel und „Winnetou“ Pierre Brice auf ihre Auftritte vorbereiteten, kommt auch noch eine Sammelgarderobe für Chöre oder Tanzgruppen. In der Zusammenarbeit seien die Künstler bis auf wenige Ausnahmen unkompliziert, berichtet Jörg Seitel, der technische Leiter der Kulturhalle. Oft gebe es auch ein Lob für die freundlichen, hellen Räumlichkeiten.

Immer wieder gerne arbeitet das Team mit den Künstlern der japanischen Trommelshow „Drum Tao“ zusammen. Die treten mittlerweile eigentlich nur noch in deutlich größeren Häusern auf, aufgrund der langjährigen Verbundenheit kommen sie dennoch regelmäßig auch nach Rödermark. Immer übrigens mit einem eigenen Koch und eigener Küchenausstattung, die in einem separaten Raum aufgebaut wird. „Wir müssen dann immer einen sogenannten Runner abstellen“, verrät Jörg Seitel. Der fährt mit oder im Auftrag des Kochs einkaufen.

Im Normalfall werden die Künstler, speziell wenn es um warme Mahlzeiten geht, vom Kulturhallen-Restaurant versorgt. Das Garderobenpersonal sorgt schon mal für einen gut gefüllten Obstkorb oder Schnittchen. Generell sieht das Kulturhallenteam zu, dass ein „gewisser Wohlfühlcharakter“ entsteht. „Unser Publikum soll sich wohl fühlen, aber auch die Künstler“, so Seitel. Wenn das gelinge, trage dies zu einer gelungenen Vorstellung wesentlich bei.

Was die Getränke angeht, sind die Ansprüche ziemlich verschieden: Steht eine Operette auf dem Spielplan, dann sind die Künstler meist pflegeleicht. „Die freuen sich über Kaffee, Wasser, Tee und Saft“, so Jörg Seitel. Eine ältere Rockband bewegte sich da vor einigen Jahren am anderen Ende des Spektrums. Mehrere Flaschen Rotwein und Whisky sowie einige Kästen Bier wurden in die Garderobe geordert. „Es war auch alles weg. Was sie nicht getrunken haben, haben sie mitgenommen“, erinnert sich Jörg Seitel, der seit 1997 in der Kulturhalle arbeitet, schmunzelnd. Weit bescheidener war da Pierre Brice, dem auch nach seinem Auftritt in Ober-Roden sein Gläschen Rotwein wichtig war. Beim 2011 verstorbenen Schauspieler Walter Giller fiel die Tonprobe relativ kurz aus, danach ging es erst einmal auf ein Bier ins Kulturhallen-Restaurant, wo er die Zeit überbrückte. Auf der Bühne war er aber dann dennoch topfit.

Doch sogar für fernseh-gestählte Profis kann es schon mal hektisch werden. Ein Beispiel: Urban Priol gastierte im Herbst 2018 ausgerechnet am Tag der hessischen Landtagswahl in Ober-Roden. Natürlich wollte er die aktuellen Geschehnisse noch in sein Programm einarbeiten, vergaß aber wohl etwas die Zeit. Dabei gehen die Kulturhallenleute noch mal in der Garderobe vorbei, auch die drei Gongs (der letzte ertönt drei Minuten vor dem Auftritt) sind dort eindeutig zu hören. Priol war aber scheinbar so sehr in seine Aktualisierungen vertieft, dass er das Geschehen um sich herum ausblendete. „Der Saal war schon dunkel, aber es war noch kein Priol da“, erinnert sich Jörg Seitel. Der Kabarettist fand dann doch noch den Weg auf die Bühne - brandaktuell mit den Ergebnissen der Hessenwahl. Die Künstlergarderobe wird übrigens regelmäßig „zweckentfremdet“. Einmal im Monat nutzt sie die Betriebsärztin der Stadt, um etwa neue Mitarbeiter zu untersuchen oder arbeitsmedizinische Untersuchungen durchzuführen.

36 Quadratmeter groß ist ein weiterer besonderer Raum, der eine Doppelfunktion besitzt. Im Orchestergraben finden bis zu 30 Musiker Platz. Für sie geht es rund eineinhalb Meter „unter Tage“. Das sogenannte Hubpodium können die Kulturhallenmitarbeiter aber sogar fast vier Meter nach unten fahren, womit die zweite Funktion ins Spiel kommt. Das Podium ist gleichzeitig ein Lastenaufzug und daher fast jeden Tag in Betrieb. Vom Untergeschoss gibt es zwei Zugänge, in den Seitentaschen lagern unter anderem die Podeste für die ansteigende Bestuhlung im Saal.

Mit dem Orchesterpodium können Thomas Seitel und seine Kollegen knapp vier Meter nach unten fahren. Es dient dem Kulturhallenpersonal auch als Materialaufzug.

Orchestergräben sind in der Region eher selten, was für die Kulturhalle durchaus ein Wettbewerbsvorteil ist. In der Vergangenheit wurden hier immer mal wieder auch aufwändigere Musicalproduktionen mit größeren Bühnenaufbauten durchgeführt. An diese Aufführungen denkt Jörg Seitel gerne zurück. Ohnehin gefällt ihm an diesem Job, dass er viel Abwechslung und neue Herausforderungen mit sich bringt.

Das wird in Zeiten von Corona wieder deutlich. Die Pandemie hat den eigentlichen Terminplan komplett über den Haufen geworfen. Da waren etliche Gespräche zu führen und Anpassungen vorzunehmen. So waren etwa - um nur ein Beispiel zu nennen - den Hygienevorgaben entsprechende Bestuhlungspläne zu erstellen. Das Kuriose: Die Kulturhalle hat derzeit mehr Belegungen als in „normalen“ Zeiten, allerdings mit deutlich weniger Menschen. Kleinere Kurse, Besprechungen, Ausschusssitzungen, Proben oder Übungsstunden, die sonst im Graf-Reinhard-Saal, im Bücherturm oder im Mehrzweckraum der Halle Urberach stattfinden, sind nun im Foyer oder im großen Saal der Kulturhalle angesetzt.

Von Sascha Eyssen

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