Hidir Karademir kandidiert fürs Europa-Parlament

Von Rödermark nach Straßburg?

Mit Plakaten allein gewinnt man keine Stimmen. Hidir Karademir stellte sich in den vergangenen Wochen bei etlichen Wahlkampfveranstaltungen zwischen Heppenheim, Wetzlar und Rüsselsheim vor. Heute ist er Gast des SPD-Europafestes in Dietzenbach.

Ober-Roden - Seit zwölf Jahren entscheidet Hidir Karademir im Stadtparlament über die Besetzung von Betriebskommissionen, den Verkauf kommunaler Wohnhäuser und Ausleihgebühren des Bücherturms.

Sind die Wähler am 7. Juni seiner Partei gewogen, hebt der 55-jährige Sozialdemokrat seine Hand vielleicht schon bald für milliardenschwere Forschungsprogramme oder ähnlich teure Agrarsubventionen. An diesem Sonntag nämlich kandidiert er zum zweiten Mal für einen Sitz im Europa-Parlament.

Karademir rechnet sich durchaus Chancen auf ein Büro in Straßburg aus. Die SPD hat ihn auf Listenplatz 31 gesetzt. „Bekommen wir in Deutschland 29,5 Prozent, bin ich drin“, sagt er. Die 28 Prozent, die die Umfragen diese Woche der SPD zugestanden, hält er längst nicht für das Maß der Dinge. Zu groß ist seiner Ansicht nach der Frust vieler Bundesbürger über eine neoliberale Wirtschaftspolitik, die ein gerüttelt Maß Schuld an der Wirtschaftskrise trägt.

Hidir Karademir ist Deutscher mit langen türkischen Wurzeln und Sozialarbeiter. Ein Blick auf seinen Lebenslauf erklärt, warum die Betonung auf der zweiten Worthälfte liegt. 1969 wurde er in seiner Heimatstadt Hekimhan als Lehrling für den Bergbau im Ruhrpott angeworben. Gerade mal 15 Jahre jung kam er allein nach Deutschland und biss sich im Schacht durch. Ein Sportunfall durchkreuzte seine Pläne für ein typisches türkisches Kumpelleben, das Schicksal verschlug ihn nach Ober-Roden.

Mit Hilfsarbeiterjobs bei Telenorma, Lederwaren Gotta und in Dreieich gab er sich nicht zufrieden. Er holte abends den Realschulabschluss nach. Vor 23.30 Uhr kam er selten vom Unterricht nach Hause, morgens um fünf klingelte der Wecker.

Schön früh, nämlich mit 18, engagierte er sich für seine Landsleute und gab an mehreren Volkshochschulen Deutschkurse für Türken. Immer häufiger beriet Karademir die so genannten Gastarbeiter bei Problemen mit Behörden, Arbeitgebern, Banken und Vermietern - unter anderem auch im Auftrag der Stadt Rödermark.

1980 rasselte er bei einer solchen Beratung mit einem Bediensteten des Arbeitsamtes zusammen. Dessen Chef war von Karademir so angetan, dass er ihm empfahl, sich auf eine Sozialarbeiterstelle beim Internationalen Bund zu bewerben. Vier Wochen später hatte der Ex-Bergbau-Lehrling und Lagerarbeiter die Stelle und fünf diplomierte Konkurrenten das Nachsehen. Er selbst absolvierte das fällige Studium dann von 1988 bis 1992.

Vom gesellschaftlichen zum politischen Engagement war‘s nur ein kleiner Schritt. 1972 trat er der SPD bei, 1997 ging er in die Stadtverordnetenversammlung. Bei der Kommunalwahl 2006 war Hidir Karademir der erfolgreichste Genosse. Die Wähler kumulierten ihn von Listenplatz 21 auf Listenplatz 6.

Wenige Woche später hätte er die Brocken am liebsten hingeworfen: Am Tag der konstituierenden Sitzung des Stadtparlaments nahm er in Offenbach an einem Integrationsforum mit Bundesjustizministerin Brigitte Zypries teil. Das war mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Daniel Weber so abgesprochen. Doch an diesem Abend versagten drei CDU-Stadtverordnete der schwarz-gelben Magistratsliste überraschend die Zustimmung. Hidir Karademirs Stimme hätte die Mehrheitsverhältnisse gekippt, Bürgermeister Roland Kern könnte seit drei Jahren mit einer rot-grünen Magistratsmehrheit regieren. „Das tut mir heute noch echt weh, wenn ich nach rechts auf die Magistratsbank blicke“, beschreibt er den bittersten Moment seines Politikerdaseins.

Seine Wahl in die Volksvertretung von fast 500 Millionen Europäern könnte ihn nächsten Sonntag vergessen machen.

Quelle: op-online.de

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