Neuer Vorstand des Gewerbevereins denkt schon an die Zeit nach der Epidemie

Einfluss nehmen auf Ortskern-Umbau

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Alte Zeiten, gute Zeiten: Das Foto zu unserem Interview entstand, als das „Prosit!“ auf dem Rodaumarkt noch erlaubt war. Der neue Gewerbevereinsvorsitzende Wilhelm Schöneberger (links) und Schatzmeister Helmut Schrod stießen mit einem Glas Wein auf die kommenden Herausforderungen an. Dass sie so gewaltig sind, hätten sie sich bei ihrem Amtsantritt nicht träumen lassen.

Als der Gewerbeverein Mitte Oktober einen neuen Vorstand wählte, waren die Aufgaben groß. Aber offensichtlich schienen sie zu stemmen: Umstrukturierung der Vereinsarbeit nach außen und innen, die abnehmende Bedeutung des Einzelhandels oder Ramschläden in bester Lage.

Rödermark – Seit Corona ist vieles anders. Aber unser Gespräch mit dem Vorsitzenden Wilhelm Schöneberger und Schatzmeister Helmut Schrod, drehte sich nicht nur um das Sars-CoV-2-Virus. Große Hoffnung setzt das Duo auf das Landesprogramm Stadtumbau, das Investitionen in Millionenhöhe ermöglichen soll – allerdings über zehn Jahre verteilt. Damit klar ist, wer was gesagt hat: Schönebergers Antworten sind mit WS gekennzeichnet, Schrods Antworten mit HS.

Der neue Vorstand des Gewerbevereins ist jetzt gut ein halbes Jahr im Amt. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

WS: Durchweg positiv! Die Mitglieder haben weise einen engagierten Vorstand mit großem Potenzial gewählt, und die notwendigen Aufgaben werden zügig angegangen. Wir haben bereits unseren Mitglieder-Newsletter installiert, das neue Logo wird bald verabschiedet, und die neue Homepage soll bis zur nächsten Mitgliederversammlung im Mai freigeschaltet. Dazu ist es uns gelungen, den Trend bei den Mitgliederzahlen umzukehren. Und wir haben einige interessante neue Unternehmen für den Gewerbeverein gewinnen können!

Wer gehört denn zu diesen Neulingen?

Wir haben Freiberufler, Übersetzer, Finanzdienstleister und Unternehmen aus den Neuen Medien gewinnen können. Interessant dabei ist, dass einige Unternehmen ihren Sitz außerhalb Rödermarks haben. Dies ist auch Ausdruck unserer Bestrebungen, uns über den Tellerrand – sprich: Stadtgrenze – hinaus zu positionieren und zu vernetzen.

Hätten Sie gedacht, dass dieser „Job“ neben Ihrer Unternehmensberatung so viel Arbeit macht?

WS: Grundsätzlich gilt, wer sich ehrenamtlich engagieren will, der muss das auch können. Das gilt vor allem für den zeitlichen Aufwand. Für mich persönlich war der Zeitpunkt der Übernahme des Vorsitzes nicht der Günstigste, da ich schwerpunktmäßig im Winterhalbjahr mit Beratungsprojekten beschäftigt bin; die Aufgaben selbst sind dann gar nicht mehr so schwer, zumal sie meiner beruflichen Tätigkeit nicht unähnlich sind.

Apropos Job: Lang ist’s zwar her, aber eigentlich standen die Besitzer der größten Geschäfte im Ort an der Spitze des Gewerbevereins, und ein Mitarbeiter von Volksbank oder Sparkasse war der Kassierer. Da hat sich doch wohl einiges geändert...

WS: Solange er oder sie die Interessen der Mitglieder vertritt, ist es egal, wer an der Spitze eines Vereins steht. Mit den Mitgliedern ändert sich auch die Zusammensetzung in den Gremien. Gerade in unserem neu gewählten Vorstand sind starke Persönlichkeiten und es gilt, einen Konsens über die Ausrichtung des Gewerbevereins zu finden. Bisher gelingt uns das ganz gut! Mit Helmut Schrod haben wir einen Schatzmeister, der die Finanzen im Blick hat. Er ist nicht nur durch seine berufliche Erfahrung als langjähriger leitender Bankmitarbeiter, sondern vor allem durch sein Herzblut, das er in den Verein einbringt, ein echter Glücksfall für den Gewerbeverein Rödermark.

Herr Schrod, was hat sich in den langen Jahren, die Sie den Gewerbeverein begleiten, verändert? Was sind die Herausforderungen?

HS: Seit ich vor zehn Jahren das Amt des Vorsitzenden abgeben habe, hat sich ein deutlicher Strukturwandel vollzogen. Dies spiegelt sich auch in der Branchenstruktur unserer Mitglieder wieder. Dienstleister und Unternehmen im digitalen Bereich finden verstärkt Bedeutung. Unsere Herausforderung wird es sein, gerade deren Interessen zu vertreten und aufzuzeigen, welchen Nutzen aus unserer Verbindung von Gewerbeverein und Unternehmen generiert werden kann.

Die Bedeutung des Einzelhandels, bei dem der Chef oder die Chefin noch an der Kasse steht, schrumpft überall in Rödermark. Machen noch weitere Geschäfte dicht? Ist wirklich nur das Internet am Ladensterben schuld?

HS: Nein. Dass der Handel in den Ortskernen stagniert, ist nicht nur auf Rödermark zu beziehen. Die sogenannte „Grüne Wiese“ spielt vielerorts eine große Bedeutung. Ich darf nur daran erinnern, dass der Gewerbeverein bei der Errichtung des sogenannten Fachmarktzentrums in Urberach verzweifelt versucht hatte, die sogenannte Vorkassenzonen zu verhindern. Allein diese Geschäfte, angefangen von der Apotheke, Bäcker, Blumenladen, Friseur, Metzger und vieles mehr stellen das Angebot eines kompletten Ortskerns dar, ohne dass Besucher mit einer Parkplatznot rechnen müssen. Oder mit einem „Knöllchen“ bedacht werden, wenn Sie ein paar Minuten zu lange beim Friseur oder Arzt waren.

Wo sehen Sie Zeichen der Hoffnung?

HS: Wir erwarten von unseren Mitgliedern, dass sie klar definierte Aufgaben an den Vorstand des Gewerbevereins herantragen, damit wir sinnvoll tätig werden können. Wir werden in einem engen Dialog mit der Kommune die Belange unserer Mitglieder vertreten und versuchen, positiven Einfluss bei der Neugestaltung der Ortskerne nehmen, um eine gute Plattform für den Handel zu schaffen.

Herr Schöneberger, ihr Vorgänger hat häufig kritische Töne an Immobilienbesitzer gerichtet, die leere Räume sofort an Dönerbuden, Handyläden, Nagelstudios und Ähnliches vermietet haben. Das schnelle Geld sei ihnen wichtiger als langfristige Perspektiven für die Ortskerne, wetterte er. Hört man so was auch von Ihnen?

WS: Wir sind gut beraten, zuerst unsere Hausaufgaben zu machen und uns für die Zukunft neu aufzustellen, bevor wir anderen gute Ratschläge geben. Der Zustand der Ortskerne hat viele Ursachen und liegt mit Sicherheit nicht alleine an den Immobilienbesitzern. Das Stadtumbauprojekt kann einiges dazu beitragen, die Attraktivität unserer Ortskerne zu steigern. Lassen wir uns überraschen, ob uns das gelingt…

Welche Rolle kann und will der Gewerbeverein zwischen all den Interessensgruppen im Ort spielen? Mahner? Meckerer? Mutmacher? Moderator? Sie dürfen Ihre Position natürlich auch gerne ohne ein „M“ als ersten Buchstaben definieren.

WS: Wir als Verein haben zuerst die Aufgabe, die Interessen unserer Mitglieder zu vertreten und es ist gut, dass im neuen Vorstand keine Überlagerung durch persönliche oder gar parteipolitische Positionen droht. Wir sind mit Vertretern aus beiden großen Stadtteilen stark aufgestellt und in den Unternehmen gut vernetzt. Um die Interessen unserer Mitglieder stärker wahrzunehmen, müssen wir unsere Kommunikation verbessern, das ist wahrscheinlich die größte Aufgabe. Vielleicht ist es die Rolle des Motivators nach innen und außen, Dinge anzugehen, etwas zu bewegen und sich nicht abschrecken zu lassen. Gleichzeitig haben wir sowohl mit dem Bürgermeister als auch mit der Wirtschaftsförderung einen engen und fairen Austausch vereinbart. Wir können nur gemeinsam Erfolg haben. Das schließt nicht aus, dass es auch mal eine im Vorstand abgestimmte Position geben kann, die etwas klarer nach draußen kommuniziert wird. Wir wollen zum Ende des Jahres wieder zu alter Stärke finden und mit intelligenten Ansätzen das Gewerbe unterstützen, und das werden wir auch schaffen!

Diese Frage muss man jetzt leider stellen: Schaffen Sie das in Zeiten von Corona?

WS: Die Corona-Pandemie stellt die größte Herausforderung im medizinischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich seit dem Zweiten Weltkrieg dar. Unsere Mitglieder, die Gewerbetreibenden, unsere kleinen und mittelständischen Unternehmen leiden unter den restriktiven, aber notwendigen Beschränkungen am meisten. Hier sind Existenzen bedroht! Aber gerade deshalb ist es notwendig, sich in Strukturen wie dem Gewerbeverein zu organisieren. Wir müssen nach der Krise dafür sorgen, dass die Bürgerinnen und Bürger ihr Geld in unserer Stadt ausgeben, sonst werden wir einige unserer Einzelhändler, Gastronomen, Blumenläden und wichtige ortsbildprägende Geschäfte verlieren.

Das Gespräch führte Michael Löw

Quelle: op-online.de

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