Austausch

Zu alt oder krank fürs Auto? VdK und „MosaikSteine“ diskutieren über Risikogruppen im Verkehr

+
Autofahren im hohen Alter, aber auch bei chronischer Krankheit oder Behinderung ist ein heikles Thema.

Autofahren im hohen Alter, aber auch bei chronischer Krankheit oder Behinderung ist ein heikles Thema.

Urberach – Zwei Beispiele: Am Freitag verlor ein 79-Jähriger auf der Kreisquerverbindung kurz vor der Waldacker-Kreuzung die Kontrolle über sein Auto und prallte gegen einen Baum. Obwohl das Auto über die Gegenfahrbahn schleuderte, wurde außer dem Senior niemand verletzt. Ein älterer Rödermärker gab schon vor geraumer Zeit seinen Führerschein zurück: Er war beim Ausparken vom Bremspedal gerutscht und hatte ein anderes Auto beschädigt. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren.

Andererseits ist das Auto für alte Menschen ein Stück Unabhängigkeit, an das sie sich über Jahrzehnte gewöhnt hatten. Ihnen ist wichtig, möglichst lange fahrtüchtig zu bleiben.

Der VdK und „Die MosaikSteine“, die Selbsthilfegruppe für MS-Kranke, hatten Dr. Hannelore Hoffmann-Born vom Verkehrsmedizinischen Competenz-Centrum (VmCC) zu einem Vortrag eingeladen. Sie wies auf Risiken und Möglichkeiten hin.

Das Hauptaugenmerk in Deutschland liegt auf die Fahrzeugsicherheit, regelmäßige TÜV-Untersuchungen sind gesetzlich vorgeschrieben, sagte die Ärztin. Die Hauptunfallursache ist jedoch menschliches Versagen.

Das Klischee „Je älter, desto unsicherer“ ist ihrer Ansicht nach ebenso falsch wie die Aussage, dass testosterongesteuerte junge Erwachsene die Straße unsicher machten. Nicht das Alter, sondern die alterstypischen Einschränkungen zusammen mit Medikamenten seien die Ursachen für kritische Situationen im Straßenverkehr.

Ältere oder kranke Fahrer haben eine verlangsamte Reaktion. Das ließe sich durch größeren Abstand, geringere Geschwindigkeit oder geändertes Verhalten kompensieren: Nicht in den Spitzenzeiten fahren, nicht bei schlechtem Wetter oder wenn man sich schlecht fühlt.

Hier aber gelte es, selbstkritisch zu sein, mahnte Hoffmann-Born. Wer sich ans Steuer setzt, obwohl er dazu nicht in der Lage ist, macht sich strafbar (§ 315 STVO). Als Beispiele nannte sie Fahren mit Gipsbein nach Beinbruch, mit akuten Sehstörungen oder Fahren trotz neurologischen Störungen. Das kostet im Fall des Falles den Versicherungsschutz.

Für Medikamente gebe es keine Pauschalaussage. Einige könnten zwar Krankheitssymptome bessern, ja sogar die Fahrtüchtigkeit wiederherstellen. Schlaf- oder Beruhigungsmittel jedoch würden das Autofahren ausschließen.

Im Einzelfall müsse mit dem Arzt geklärt werden, inwieweit sich Medikamente auf die Fahrsicherheit auswirkten. Gerade neurologische Erkrankungen äußern sich in den verschiedensten Symptomen: Sehstörungen, Fatigue, Spastik, stark verlangsamte Reaktion.

Ein weiteres Problem sind neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Epilepsie und immer häufiger Demenz. Hoffmann-Born zeigte ein Foto mit vielen kleine Merkzetteln, die ein Demenzkranker ins Cockpit seines Autos geklebt hatte. Diese Aufnahme sorgte nur im ersten Moment für Heiterkeit. Doch schnell erkannten die Zuhörer den ernsten Hintergrund dieser Situation.

Körperliche Ausfälle lassen sich oft durch technische Maßnahmen ausgleichen. Aber auch hier gilt die Eigenverantwortlichkeit. Die Verkehrsmedizinerin wies auf die gesetzliche Pflicht von Ärzten hin, Patienten in puncto Fahrsicherheit aufzuklären. In besonders schweren Fällen und bei Uneinsichtigkeit gebe es Ausnahmen von der Schweigepflicht: Der Arzt kann mit den Angehörigen sprechen, damit sie etwas unternehmen. Nach Meldungen oder Unfällen veranlasst die Führerscheinstelle ein Gutachten zur Fahrtauglichkeit.

VON MICHAEL LÖW

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare