Kandidaten im Kultur-Check

Quartett der Bürgermeisterbewerber steht Rede und Antwort

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Nach dem Alphabet hatte Moderator Dietmar Schrod, der langjährige Spielleiter der Kulturhalle (Mitte), die Kandidaten auf dem Podium aufgereiht: Samuel Diekmann (SPD), Carsten Helfmann (CDU), Roland Kern (AL) und Tobias Kruger (FDP, von links)).

Urberach - Mehr als 120 Zuhörer kamen zum ersten öffentlichen Aufeinandertreffen der Bürgermeisterkandidaten in die Kelterscheune. Von Michael Löw

Rödermarks Kreative wollten von Amtsinhaber Roland Kern (AL) und seinen Herausforderern Carsten Helfmann (CDU), Samuel Diekmann (SPD) und Tobias Kruger (FDP) wissen, was ihnen die Kultur wert ist. „Viel“ lautete die einheitliche Antwort, doch auf Euro und Cent ließ sich natürlich niemand festlegen. Gibt es für Städte eine Pflicht zur Kultur? Das wollten vier Kreativgruppen - Kunst in Rödermark (KiR), Alternatives Zentrum (AZ), der Bücherei-Freundeskreis „Lesezeichen“ und das Schauspielerpaar Nedelmann - von den vier Männern wissen, die im Februar 2017 Bürgermeister werden möchten. Die von der KiR-Vorsitzenden Sylvia Baumer gestellte Frage nach dem kulturellen Großen und Ganzen teilte sich in eher theoretische und eher praktische Aspekte, außerdem sollten die Kandidaten ihre persönlichen Vorlieben erläutern. Moderator Dietmar Schrod, bis 31. Mai 2013 18 Jahre lang Spielleiter der Kulturhalle, bat sie in alphabetischer Reihenfolge ans Mikrophon in der jeweiligen Parteifarbe.

Samuel Diekmann (SPD) präsentierte sich als mehrfach preisgekrönter Musiker, der für den Besuch eine Kunstausstellung aber einen Übersetzer benötige. CDU-Bewerber Carsten Helfmann ist ein Fan von Musik - auch der klassischen - und lobte Rödermark als „eine Kulturhochburg im Kreis“. Roland Kern (AL), seit elfeinhalb Jahren Burgherr, betonte sein vielfältiges Engagement, das von der Gründung des AZ bis zur Ehe mit KiR-Mitglied Angelika reichte. „Schon das Malen eines Strichmännchens ist für mich schwer“, bekannte Tobias Kruger. Sein Steckenpferd ist das geschriebene Wort: Er war Gründungsvorsitzender des „Lesezeichen“-Vereins.

Das Alternative Zentrum - hier Vorsitzender Lothar Rickert - beklagte unter anderem die überalterte Technik in der Kelterscheune. Kürzungen im Personaletat seien außerdem schuld, dass dort kein Hausmeister mehr kontrolliere, ob nach Veranstaltungen Geschirr, Tische und Stühle ordentlich zurückgegeben würden.

Fragen zu einer kulturellen Rödermark-Identität, Veranstaltungen mit Strahlkraft über die Stadt hinaus und einer (noch) besseren Vernetzung der Vereine und Initiativen offenbarten kaum Unterschiede zwischen den Bewerbern. Die wurden dann bei der Forderung nach einem bezahlten Kulturmanager deutlich. Ingrid Acker vom AZ hatte beklagt, dass die ehrenamtlichen Kulturmacher längst an ihren Grenzen angekommen sind. Diekmann will deshalb in der Stadtverwaltung eine halbe Stelle fürs so genannte Fundraising - vereinfacht gesagt: ein Sponsorengeld-Besorger - schaffen. Das steht auch explizit in seinem Wahlprogramm. Mit einem Profi könnte sich auch Helfmann anfreunden, dem eine Teilzeitkraft vorschwebt: Die jährlichen Personalkosten von 20 000 bis 30 000 Euro bekommt die Stadt seiner Ansicht nach locker durch Bundes- und EU-Mittel wieder herein.

Es müsse nicht gleich eine neue Stelle geben, hielten Kern und Kruger dagegen. Unter dem Rettungsschirm des Landes habe sich Rödermark nicht nur verpflichtet, keine neuen Stellen zu schaffen, sondern auch frei werdenden nicht mehr zu besetzen, erklärte der amtierende Bürgermeister. Kruger ging - mutig vor diesem Publikum - noch einen Schritt weiter: Kultur sei zwar ein wichtiges Betätigungsfeld für die Stadt, doch Kinderbetreuung und (digitale) Infrastruktur dürften nicht darunter leiden.

Ist eine Kulturhalle, die vielen Vereinen zu teuer ist, einer Kulturhochburg würdig?, provozierte Moderator Schrod in Richtung Verwaltungschef Kern. Nutzungsgebühren von 450 Euro für den Saal hätten mancher Veranstaltung den Garaus gemacht. Kern sah dagegen „keinen Substanzverlust“, obwohl die Stadt über 22 Jahre hinweg täglich 4 000 Euro Leasingrate und 1 000 Euro für Personal und Technik ausgegeben habe. Das hat nächstes Jahr ein Ende, dann gehört die Halle der Stadt.

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Helfmann wies darauf hin, dass die Stadt auch nach dem Auslaufen des Leasingvertrags viel Geld für die Kulturhalle braucht. 750.000 Euro koste zum Beispiel der vorbeugende Brandschutz. Der Eppertshäuser Bürgermeister forderte: „Runter mit den Nutzungsgebühren!“ und verwies auf seine Heimatgemeinde. Dort koste eine solche Halle die Vereine nur 30 Euro. Eine Bemerkung, die ein bisschen Zunder in die ansonsten überaus sachliche Diskussion brachte. „Wer fünf Euro Eintritt für ein hervorragendes Kulturangebot nicht ausgeben will, tut mir leid“, gab Kern zumindest sachbezogen zurück.

Nichts mit Kunst und Kultur zu tun hatte das Gekeife von AZ-Mann Rudi Reichenbach, dass der Eppertshäuser Bürgermeister daheim bleiben soll: „Das einzige, was wir aus Eppertshausen wollen, ist das Settchen!“ Aber dabei blieb’s dann auch.

Nach mehr als zweieinhalb Stunden stand fest: Die Diskussion hatte keinen eindeutigen Sieger, aber auch keine wirklichen Verlierer. Das - je nach Standpunkt erhoffte oder befürchtete - Heimspiel für Bürgermeister Roland Kern blieb aus. Denn der Verwaltungschef stand zu vielen Entscheidungen, die den Kulturschaffenden nicht gefallen haben. Carsten Helfmann und Samuel Diekmann kündigten zwar an, als Bürgermeister den Posten eines Sponsoringmanagers zu schaffen. Aber wie auch FDP-Bewerber Tobias Kruger vermieden sie es, den Rödermärker Kreativen allzu viel Verbindliches zu versprechen.

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Quelle: op-online.de

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