So jung wie die Todgeweihten

„Es ist doch für immer passiert“ - Theaterstück von Schülern über Holocaust

17, 16, 18, 17, 17: Die Schauspieler werden zu jüdischen Altersgenossen, die auf dem KZ-Appellplatz ihr Alter herausschreien müssen.
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17, 16, 18, 17, 17: Die Schauspieler werden zu jüdischen Altersgenossen, die auf dem KZ-Appellplatz ihr Alter herausschreien müssen.

Der 27. Januar wird seit 2005 weltweit als Holocaust-Gedenktag begannen. Zwölf Schüler schlüpfen unter der Regie des Urberacher Regisseurs Oliver Nedelmann in die Rollen von jungen Juden und ihren Henkern.

Rödermark – Plötzlich ist es mucksmäuschenstill auf der kargen Bühne im „Roten Oswald“. „Die Kleine fest in den Armen, ihr Köpfchen an seinem Bauch, steht er vor dem Grab. Eine Maschinengewehrsalve!“ rezitiert Luisa Ardid nur knapp über der Hörgrenze, wie zwei jüdische Kinder ihrem Tod im Konzentrationslager entgegensehen. Doch mehr Lautstärke hätte sich bei dieser Szene auch verboten.

Der Urberacher Regisseur und Theaterpädagoge Oliver Nedelmann hat das Leben – und Sterben – von jüdischen Kindern und Jugendlichen im Ghetto und KZ auf die Bühne geholt. Seine Schauspieler sind ungefähr so alt wie die jungen Juden, die zu Hunderttausenden von den Nazis ermordet wurden. Das Stück „Es ist doch für immer passiert“ stellt nicht die historischen Fakten in den Mittelpunkt. Und obwohl Auszüge erstmals am Montag bei der Gedenkstunde zum Holocausttag aufgeführt werden, spielt es nicht im KZ Auschwitz, an dessen Befreiung vor 75 Jahren der 27. Januar erinnert. Stätten des Grauens gab es genug in Hitlers Drittem Reich.

Zwölf Jugendliche – Marica Acone, Luisa Ardid, Lina Hanus, Carolin Henning, Celine Kaczmarcyk, Melina Mlodoch, Damian Murmann, Nils Neidig, Alessia Sedlmayer, Wolf Seiler, Florian Wehner, Sina Zastrow – bilden das Ensemble, das seit September zusammen schreibt, improvisiert und probt. Sie besuchen die Oberstufen der Nell-Breuning-Schule Rödermark, der Ricarda-Huch-Schule Dreieich, des Adolf-Reichwein-Gymnasiums Heusenstamm und der Claus-von-Stauffenberg-Schule Rodgau.

Theaterstück war Idee der Schüler

Das Stück war ihre Idee. Damian Murmann hatte seine Mutter Christiane im Sommer damit überrascht. Die ist Mitglied der Initiative „Stolpersteine“, der auch Oliver Nedelmann angehört. Der Kontakt war da, aus dem Vorschlag wurde schnell ein Theaterprojekt. Oliver Nedelmann mutet seiner jungen Truppe einiges zu. Trotzdem hat das Stück nicht nur Momente des Schreckens, sondern auch der Hoffnung und des Zusammenhalts und gelegentlich sogar welche von unfreiwilliger Komik.

Der Regisseur mischt Vergangenheit und Gegenwart. Zu Beginn sitzen Jugendliche unserer Zeit im Zug zu einer Klassenfahrt ins KZ Auschwitz. Sie überlegen, wann die nächste Zigarettenpause ist oder ob"s an der Gedenkstätte immer noch nach Tod stinkt. Dann steht plötzlich die Frage „Wie alt war Rosel damals?“ im Raum.

Singend betrauert Lina Hanus ihre erschossenen Leidensgenossen – dann stirbt auch sie unter dem Feuer der SS-Wachen.

Rosel? Das ist Rosa Hecht, die 1925 in Ober-Roden geboren wurde, 1938 mit ihrer Familie zum Umzug nach Frankfurt gezwungen wurde und als imaginäre Mitwirkende des Stücks plötzlich in der Frankfurter Großmarkthalle steht und auf ihre Deportation wartet. 1941 stirbt sie in Minsk.

„Gefühle kriegt man nicht aus dem Schulbuch“

Diese Nähe, sowohl vom Ort als auch vom Alter her, macht die Schauspieler so betroffen. „Ich kannte das KZ Buchenwald von einer Klassenfahrt. Aber es ging mir komischerweise nicht so nahe wie gedacht“, räumt Melina Mlodoch bei der Probe ein. Anderen Jugendlichen geht es ähnlich.

Nils Neidig kennt die Schrecken der NS-Zeit aus dem Geschichtsunterricht, hat aber erkannt: „Gefühle? Die kriegt man nicht aus dem Schulbuch.“ Er durchlebt auf der Bühne ein Wechselbad der Gefühle: Eben steht er noch als Häftling auf dem Appellplatz des Lagers, sieht die SS-Wachen und weiß nicht, ob er in fünf Minuten noch lebt. Und in der nächsten Szene wird er zu einem solchen Soldaten, der am Eisenbahnwaggon entscheidet, welche Neuankömmlinge sofort in die Gaskammer geschickt werden und welchen er noch ein paar Monate des jämmerlichen Überlebens in den KZ-Baracken „schenkt“.

Spielplan

„Es ist doch für immer passiert“, von der Initiative Stolpersteine produziert, hat am 28. Februar, 19.30 Uhr, in der Kelterscheune Premiere. Weitere Vorstellungen sind am 5. März um 16.30 und 19 Uhr in der Nell-Breuning-Schule sowie am 12. März und am 27. April jeweils um 20 Uhr im Wohnzimmertheater Nedelmann in Urberach. Kartenbestellungen mit einer E-Mail an post@stolpersteine-in-roedermark.de oder unter z 06074 4827616.

von Michael Löw

Quelle: op-online.de

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