Bericht des Stadtbrandinspektors:

Tote und Verletzte bringen Feuerwehrleute an ihre Grenzen

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„Feuerwehr des Monats“: Diese Auszeichnung verlieh die Landesregierung der Ober-Röder Wehr im September schon zum dritten Mal. Das ist ein Spitzenwert für ganz Hessen. Stadtbrandinspektor Herbert Weber sieht"s als „Lohn für unsere Arbeit“ in Sachen Nachwuchswerbung und Ausbildung.

Eingeklemmte Unfallopfer, erfolglose Wiederbelebungsversuche, Tote hinter aufgebrochenen Türen: Körperlich und seelisch belastende Einsätze brachten Rödermarks freiwillige Feuerwehren oft an ihre Belastungsgrenzen.

Rödermark – Stadtbrandinspektor Herbert Weber wies in seinem Jahresbericht (1. November 2018 bis 31. Oktober 2019) eindringlich auf jene Einsätze hin, bei denen seine Leute nichts mehr ausrichten konnten oder bei schlimmen Verletzungen helfen mussten.

Die traurige Bilanz: sechs Tote und 43 Verletzte, von denen nach Webers Informationen noch mindestens ein Unfallopfer später im Krankenhaus starb. „Neben den Einsätzen, die schon bei der Alarmierung eine gewisse Brisanz in sich haben, sind es auch oftmals belanglose, alltägliche Meldungen, die für die Einsatzkräfte und die betroffenen Bürger jede Menge Emotionen freisetzen können“, sagte der Feuerwehrchef bei der Hauptversammlung. 32 Wohnungsöffnungen stehen in seiner Bilanz: Oft rufen Senioren, die an den Hausnotruf von Johannitern oder Rotem Kreuz angeschlossen sind, oder ihre Angehörigen nach einem Sturz die 112, weil sie sich von dort die schnellste Hilfe erhoffen.

Mehrmals mussten Feuerwehrleute nach einem solchen Alarm Menschen reanimieren oder den Rettungsdienst dabei unterstützen; in zwei Fällen war die Hilfe vergeblich. Die Leute starben ihnen unter den Händen weg. Und drei Menschen lagen – teils schon länger – tot in ihrer Wohnung, als die Feuerwehr die Tür geknackt hatte.

So etwas stecken auch hart gesottene Helfer nicht einfach weg. Nach drei solcher Einsätze nahmen Rödermärker Feuerwehrleute die Hilfe des Kriseninterventions-Teams (KIT) des Kreises Offenbach in Anspruch. Das ist die zweithöchste Stufe der Notfallhilfe für Helfer, erläuterte Weber. Sie greift, wenn dramatische Ereignisse seine Leute trotz intensiver Gespräche innerhalb der Feuerwehr oder mit Rödermärker Pfarrern immer noch belasten. Wenn auch das KIT nichts ausrichten kann, bleibt nur noch ein Anruf bei der Berufsgenossenschaftlichen Klinik in Frankfurt: Dort helfen Psychologen bei der Aufarbeitung.

Auch Pöbeleien und körperliche Übergriffe gehen den Feuerwehrfrauen und - männern an die Nerven. Den traurigen Höhepunkt erlebten sie am Abend des 18. August: Gewittersturm „Bernd“ hatte allein an der Waldacker-Kreuzung mehrere dutzend Bäume umgeworfen und die Straße nach Dietzenbach und Rodgau unpassierbar gemacht. Autofahrer räumten die weiter vorne auf der B 459 aufgestellten Sperren weg und beschimpften die Helfer, die mit Motorsägen und Muskelkraft gegen das Chaos kämpften. Herbert Weber dankte bei der Hauptversammlung nachdrücklich allen Kräften, die ihre Aufgaben ruhig und besonnen erledigt hatten.

Einmal mehr beklagte Weber die Tageseinsatzstärke, die mehr eine Tageseinsatzschwäche ist. Von theoretisch 133 freiwilligen Feuerwehrleuten sind dann maximal 25 greifbar – Tendenz: weiter abnehmend. „Die Prognosen und Warnungen der vergangenen Jahre haben sich bestätigt“, sagte der Stadtbrandinspektor in Anwesenheit von Bürgermeister Jörg Rotter, Erster Stadträtin Andrea Schülner und mehreren Stadtverordneten.

Seit 2005 fordert die Brandschutzkommission zwei zusätzliche Stellen. Doch trotz gestiegener Anforderungen ist die Zahl der Hauptamtlichen seit 1997 konstant bei vier Mitarbeitern geblieben. „Das im Brandschutzbedarfs- und Entwicklungsplan von den Stadtverordneten schon vor Jahren beschlossene Schutzziel, dass innerhalb von zehn Minuten insgesamt neun ausgebildete Einsatzkräfte vor Ort Hilfe einleiten müssen, kann nicht vollumfänglich gewährleistet werden“, sprach Weber Klartext in Richtung Politik. Die immer wieder erwähnten Jugendlichen aus der benachbarten Nell-Breuning-Schule hätten lediglich eine Grundausbildung absolviert und seien deshalb im Ernstfall keine Entlastung.

Weber mahnt und fordert aber nicht nur wegen der Zehn-Minuten-Frist. Ihm sei wichtiger, dass kein Fahrzeug ohne vollständige und ausgebildete Besatzung ausrückt. Alles andere sei eine „erhebliche Gefährdung unserer ehrenamtlichen Kräfte“. Der Personalmangel beeinträchtigt auch die Prüfung und Wartung von Geräten. Weber musste deshalb schon einige aus dem Verkehr ziehen. Eine Revision des technischen Landesprüfdienstes mit dem Regierungspräsidium und der Unfallkasse Hessen hatte diesen Schritt im September für richtig erklärt.

Weiter unten sind die Feuerwehren in Ober-Roden und Urberach stark besetzt. Die Jugendfeuerwehr zählt 56 Mitglieder, die Kinderfeuerwehr 30. Hier gilt ein Aufnahmestopp, neun Kinder stehen auf der Warteliste.

Die Nachwuchsarbeit, für die vor allem Birgit Weber verantwortlich ist, war der Landesregierung schon drei mal die Auszeichnung „Feuerwehr des Monats“ wert.

Termin: Der nächste Kindernachmittag beginnt am Freitag um 15 Uhr am Feuerwehrhaus in der Kapellenstraße.

VON MICHAEL LÖW

Quelle: op-online.de

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