In Wohnzimmer in Urberach

Konzerte mit Straßenschuh-Verbot

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Schuhe ausziehen ist Pflicht bei den Wohnzimmerkonzerten, die Kilian Wrobel (links) und Helge Meyer organisieren. Zur Urberacher Premiere am 5. April dürfen die Gäste aber ihre Schlappen mitbringen.

Urberach - Ein Wohnzimmer in Urberach wird Schauplatz eines höchst kuscheligen Musikereignisses. Von Michael Löw 

Wohnzimmertheater gibt’s in Urberach schon lange, bei Nedelmanns in der Ober-Rodener Straße 5a. Urberachs erstes Wohnzimmerkonzert findet am 5.  April in der Robert-Bloch-Straße statt, aber die Namen der Gastgeber und ihre Hausnummer bleiben geheim. Die teilen Helge Meyer und Kilian Wrobel erst mit, wenn die Besucher elf Euro Eintritt überwiesen haben. Facebook-Partys mit Hunderten von Feierwütigen wären ihnen nämlich ein Gräuel.

Denn Helge Meyer und Kilian Wrobel verwandeln wildfremder Leute Wohnzimmer in Konzertsäle für Menschen, die vorher auch noch nichts miteinander zu tun hatten. Die Begegnung unterschiedlichster Charaktere, denen höchstens die Begeisterung für eine Band und handgemachte Musik gemein ist, macht das Konzert reizvoll - für Wohnungsbesitzer, Besucher, Akteure und selbst für Meyer und Wrobel. Denn auch sie wissen nicht, was letztlich auf sie zukommt. Eine Sorge können sie den Gastgebern nehmen: Das Randale-Potenzial eines Wohnzimmerkonzerts entspricht in etwa der „Gefahr“, dass Eintracht Frankfurt deutscher Meister wird.

Eine gewisse Toleranz der Nachbarn Lärm gegenüber schadet aber nicht. 25 bis 30 Besucher, soviel wie bei einem guten Geburtstag, kamen bisher zu den Wohnzimmerkonzerten. Helge Meyer und Kilian Wrobel kümmern sich um Musiker, Technik und Zuschauer, der Hausbesitzer spendiert normalerweise die erste Runde Getränke. Meyer: „Ansonsten genießen sie den Abend wie alle anderen Gäste.“

Eine völlig neue Erfahrung

Den Besuchern garantieren Meyer und Wrobel einen Sitzplatz. Das ist zum einen bequem und verhindert zum andern, dass sich die Leute gegen sündhaft teure Ming-Vasen oder ähnlich exklusive Einrichtungsobjekte lehnen. Ein eiserner Grundsatz der Wohnzimmer heißt: „An der Haustür Schuhe aus!“ Damit wollen die Konzertmacher Dreck und Nässe draußen halten und den Fremdgängern „ein Zuhause-Gefühl vermitteln“. Die sind zwischen Mitte 20 und Mitte 60, die Kinder des Hauses sind auch dabei. Ausreißerin nach oben ist eine Dame weit jenseits der Siebzig. Die war so begeistert, dass sie in ihre Villa in Bad Homburg einlud.

Die Wohnzimmerkonzerte sind auch für Musiker und Sänger eine völlig neue Erfahrung. „Eine Dauer-Backstageparty“, sagt Kilian Wrobel. Die Künstler würden sich selbst viel, viel direkter erleben als auf Bühnen kleiner Clubs. Meyer: „Die Gäste schauen ihnen in die Augen und auf die Finger!“ Er habe die bisherigen Wohnzimmerkonzerte immer als „konzentriertes Zuhören“ erlebt. Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel auf den Boden - zwischen all die bestrumpften Füße - fallen gehört.

Die Musiker müssen in mancher Hinsicht schmerzfrei sein. „Die Vorstellung, auf beengtem Raum und gegebenenfalls unter zweitklassigen technischen und akustischen Bedingungen aufzutreten, empfindest Du als Herausforderung?“, umschreiben Meyer und Wrobel die Anforderungen. Sowas reizt die Künstler eher als dass es sie schreckt. Im Urberacher Wohnzimmer spielt zum Beispiel die „Bielefelder Songwriter Society“ - ein Trio, das der Musik eigenem Bekunden zufolge ein paar Ideale zurückgeben will.

Helge Meyer und Kilian Wrobel sind nach allen Richtungen offen, sogar experimentelle Klangwelten sind denkbar. Stellt sich ein Musiker aber mit dem Satz „Ich mache gerade meine erste CD und bin Kulturpreisträger der Stadt schlagmichtot“, muss er seine Demo-CD erst gar nicht einschicken.

Wer das erste Wohnzimmerkonzert in Urberach erleben will, braucht eine gesunde Portion Aufgeschlossenheit, elf Euro, ein Paar Schlappen, Socken ohne Löcher und muss eine E-Mail an info@wohnzimmerkonzerte.de senden.

Quelle: op-online.de

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