Schäden rund um Märktezentrum

Kein Riss bleibt verborgen

+
Dieter Engel (rechts) und seine Mitarbeiter beim Hausbesuch in der Wiesenstraße. In der Mitte: Gutachter Mehmet Erdem.

Urberach - Misstrauen ist ein guter Schutz vor Dieben und Betrügern. Manchmal trifft der Argwohn aber die Falschen. Das erfahren Gutachter des Mainzer Büros Engel derzeit am eigenen Leib. Von Bernhard Pelka

Die Experten wollen vor Beginn der Großbohrungen auf dem früheren T&N-Gelände am 12. November zur Beweissicherung an umliegenden Häusern die dort bestehenden Schäden aufnehmen. Hausbesitzer und Mieter begegnen den Gutachtern aber mit großer Skepsis. „Es gab Anrufe bei der Stadt, ob das mit unseren Hausbesuchen seine Richtigkeit hat“, beschreibt Diplomingenieur Dieter Engel das Problem. „Dabei hatten wir unsere Besuche mit einem Infoschreiben in den Briefkästen angekündigt.“ Zum gesunden Misstrauen der Anwohner komme erschwerend die Tatsache hinzu, „dass hier vor 14 Tagen Trickbetrüger unterwegs waren“. Die Anlieger sind also noch entsprechend alarmiert und den Ingenieuren gegenüber deshalb sehr reserviert. Dabei wollen die nur mit aller Sorgfalt ihre Arbeit machen.

Ein Rissbreitenmesser im Scheckkartenformat dient der Dokumentation bereits vorhandener Schäden.

Dazu müssen Dieter Engel und seine Mitarbeiter allerdings in Häuser an der Kurt-Schumacher-Straße, der Wiesenstraße und der Georg-Alois-Rink-Straße. Den Gutachtern geht es um eine Schadensfeststellung an Gebäuden, bevor am nächsten Mittwoch der 70 Tonnen schwere Großbohrer auf dem früheren T & N-Gelände (heute Märktezentrum) seine Arbeit aufnimmt. Dabei kann es im Boden zu Schwingungen kommen, die unter Umständen die umliegenden Häuser in einem Radius von 200 Metern erfassen. Dabei muss nicht zwangsläufig an der Bausubstanz etwas passieren, es könnte aber. Deshalb sind Engel & Kollegen derzeit vorsorglich unterwegs. Sie dokumentieren an Fassaden, in Wohnungen, Garagen, Kellern und Nebengebäuden selbst kleinste Risse, damit es später bei möglichen Schadenersatzansprüchen keine Missverständnisse gibt. Fotos und Protokolle von diesen Hausbesuchen dienen dabei als Grundlage.

Genau der richtige Mann

Um Sprachprobleme zu lösen, gehört zum Kreis der Experten auch ein türkischer Staatsangehöriger. Mehmet Erdem war genau der richtige Mann, als die Bauingenieure zum Beispiel das städtische Haus Wiesenstraße 2 besichtigten. Die Sanierung des früheren Werks von T & N geht nächste Woche in die Schlussphase. Der Bosch-Konzern, der das Werk 1996 geschlossen hatte, beseitigt ab 12. November Schadstoffe unter der Lkw-Zufahrt des Märktezentrums – direkt zwischen dem Kik-Markt und dem Außengelände des Obi. Giftige Reste von Lösungsmitteln zum Entfetten von Metall lagern noch immer unterm Asphalt des früheren Telenorma-Werks, das seit den achtziger Jahren zum Bosch-Konzern gehörte. Heute stehen dort die Gebäude des Märktezentrums (Kaufland, Vögele, Fressnapf, Kik, Intersport).

Seit 2001 bemüht sich Bosch, die immensen Altlasten zu beseitigen. Das geht mühsamer als gedacht. Deshalb soll nun die massive Schadstoffquelle zwischen Kik und Obi-Außengelände auf rustikale Art beseitigt werden. Per Schwertransport erreicht ein 70-Tonnen-Großlochbohrer in der Nacht auf kommenden Dienstag die Baustelle. Ab Mittwoch zieht die Bohr-Schnecke dann quasi wie ein großer Korkenzieher das verseuchte Erdreich herauf. Ummantelt ist die Bohr-Schnecke von einer Stahlhülse. Dies verhindert, dass die ausgebohrte Stelle einstürzt. Der Hohlraum wird sofort verfüllt, nachdem das von chlorierten Kohlenwasserstoffen belastete Erdreich aus der Hülse entfernt wurde.

Das bedeuten Immobilien-Codes wirklich

"Unverbaute Lage" und "gut erhalten": Das bedeuten Immobilien-Codes

100 Bohrungen bis sechs Meter Tiefe sind auf einer Fläche von 60 Quadratmetern geplant. Das dauert etwa eine Woche. Der Aushub wird in gasdichten Containern zwischengelagert und dann zur Entsorgung gebracht. Den weniger belasteten Stellen rückt Bosch mit Lanzen zuleibe. Durch diese Lanzen wird eine Chemikalie in den verseuchten Boden gepumpt. Diese Chemikalie (Kaliumpermanganatlösung) spaltet die Chlorverbindungen in unschädliche Stoffe auf. Solche Injektionen wiederholen sich bis November 2015 vier Mal.

Das Regierungspräsidium Darmstadt hatte Bosch im Jahr 2001 zur Sanierung des T&N-Werks verpflichtet. Seither hat das Unternehmen etliche Tonnen Erde voller Schwermetalle und 1400 Kilo Lösemittel aus dem Boden geholt. Aus dem Grundwasser wurden mehrere hundert Kilogramm Lösemittel herausgefiltert. In 13 Jahren hat Bosch schon mehr als fünf Millionen Euro für die Bodensanierung ausgegeben.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare