Nazi-Opfer aus Rödermark

Rotes Parteibuch kostete den Job

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Der spätere SPD-Landtagsabgeordnete und Urberacher Ehrenbürger Aloys Georg Rink (1881 - 1971) wurde von den Nazis zwei Mal ins KZ geschickt. Sein Enkel Klaus-Joachim Rink dokumentiert jetzt das Schicksal prominenter und unbekannter NS-Verfolgter aus Ober-Roden und Urberach.

Rödermark - Die Zahl der Ober-Röder und Urberacher, die von den Nationalsozialisten verfolgt, verhaftet und schikaniert wurden, ist größer als angenommen. Klaus-Joachim Rink hat in Archiven und Dokuzentren recherchiert und stieß auf die Namen von 40 Männern. Von Michael Löw 

Die Historiker Professor Egon Schallmayer und Dr. Jörg Leuschner hatten in ihrer Chronik „Ober-Roden und Urberach im Dritten Reich“ nur die rund zehn am schärfsten verfolgten NS-Gegner porträtiert. Der in Ober-Roden geborene spätere SPD-Reichtagsabgeordnete Wilhelm Weber oder Karl Müller aus Urberach („Konsum Müller“) sind vielen Rödermärkern auch heute noch ein Begriff. Aber Klaus-Joachim Rink, Vorstandsmitglied in SPD und Heimat- und Geschichtsverein, will auch die weniger prominenten Nazi-Opfer aus ihrer Anonymität holen.

Das Schicksal von Ferdinand Römhild kennen wahrscheinlich nur noch Familienangehörige. Der Nationalökonom und Kommunist wurde am 22. März 1935 verhaftet. Nach vier Jahren Gefängnis brachten ihn die Nationalsozialisten ins KZ Buchenwald. Als so genannter Schutzhäftling blieb ihm das schlimmste Martyrium erspart. Im Frühjahr 1940 wurde er Schreiber im Häftlings-Krankenbau, 1943 machten ihn die SS-Ärzte Waldemar Hoven und Gerhard Schiedlausky zu ihrem Privatsekretär. Mehrere tausend Gefangene starben durch medizinische Experimente.

Männer aus Rödermark überlebten die Konzentrationslager

Ferdinand Römhild überlebte. Am 11. April 1945 besetzte die US-Armee das KZ und befreite 21.000 Häftlinge. Fünf Tage zuvor waren hinter dem Stacheldraht noch 47.000 Menschen zusammengepfercht gewesen. Römhild sagte 1946/47 als Zeuge der Anklage in den Nürnberger Prozessen aus. Nach Rinks bisherigen Erkenntnissen transportierten die Nazis knapp ein Dutzend Männer aus dem heutigen Rödermark in die Konzentrationslager. Alle überlebten. Rink konzentriert sich bei seiner Arbeit auf Sozialdemokraten, Kommunisten und Zentrums-Sympathisanten. Die jüdischen Familien, die die Nazis seit November 1938 terrorisierten, lässt er außen vor. Ihr Schicksal haben unter anderem Schallmayer und Leuschner genauestens aufgearbeitet.

Rinks Liste der Verfolgten liest sich wie ein „Who is who?“ der alteingesessenen Urberacher und Öber-Röder. Schon 1933 entließen die braunen Machthaber den SPD-Bürgermeister Franz Köhl und den Beigeordneten Johann Krickser. Aber auch ganz einfache Menschen wie der Schuldiener Karl Beck verloren ihre Arbeit und wurden dauerhaft mit einem Berufsverbot belegt. Jahrelang verfolgten Polizei und Gestapo fast jeden ihrer Schritte.

Wie der Widerstand auf dem Land operieren musste

In Urberach zwangen die Nazis den SPD-Beigeordneten Valentin Reiß III. am 9.  Mai 1933 zur Amtsniederlegung. Der bekennende Katholik Johannes Bangert musste für seinen Glauben 18 Monate ins Gefängnis. Der Sozialdemokrat Aloys Georg Rink saß zwei Mal in Konzentrationslagern: Vom 5. bis zum 30. Dezember 1993 in Osthofen und vom 26. August bis zum 14. Oktober 1944 in Dachau. Seinem Enkel Klaus-Joachim hat er erzählt, wie vorsichtig der Widerstand auf dem Land operieren musste: Als Vertreter durfte er sich trotz seiner Vorstrafe relativ unbehelligt im Kreis Dieburg bewegen. So konnte er Informationen über die Treffen verbotener Gruppen weiterleiten.

Das klingt harmlos, doch in der NS-Diktatur wäre es eine todeswürdiges Verbrechen gewesen. Klaus-Joachim Rink stützt sich bei seinen Recherchen auf das Buch „Verfolgung und Widerstand in Stadt und Landkreis Offenbach“ von Adolf Mirkes und Karl Schild, die Staatsarchive Wiesbaden und Darmstadt, die Dokumentationszentren der Gedenkstätten Osthofen und Buchenwald sowie den Internationalen Suchdienst Bad Arolsen. Aber wie auch Leuschner und Schallmayer sucht er Kontakte zu den Familien der Drangsalierten und Verfolgten.

Wer Klaus-Joachim Rink mit Lebensdaten und Fotos unterstützen will, erreicht ihn in Rollwald unter der Telefonnummer 06106-773901. Am 25. Oktober besucht die SPDk das frühere KZ Osthofen bei Worms. Der Staatssekretär im Polizeiwesen, Dr. Werner Best, hatte am 1. Mai 1933 eine leer stehende Papierfabrik beschlagnahmt, um politische Gegner der Nationalsozialisten einzusperren. Interessenten erfahren ab Mitte August Einzelheiten bei Klaus-Joachim Rink.

Quelle: op-online.de

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