Schäfer mit Öko-Label

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Eine Schafherde macht viel Arbeit. Doch im Leben von Stefan Gerl bildet sie einen wahren Pol der Ruhe.

Urberach - Von allen 45 Rödermärker Stadtverordneten dürfte Stefan Gerl wohl dem ungewöhnlichsten Hobby nachgehen. Er züchtet Schafe - und wie es sich für einen grünen Politiker ziemt natürlich mit Öko-Zertifikat. Von Michael Löw

Sogar Tierheime und die Polizei bringen Fundschafe zu ihm. Stefan Gerls Herde zählt 15 Mutterschafe und 10 Lämmer. In ein paar Tagen werden‘s nur noch 24 Tiere sein. Denn dann feiert seine Schwiegermutter Geburtstag, und der Braten ist schon ausgeguckt.

Stefan Gerl und seine Frau Ramona Simon sind seit 1980 Freizeit-Schäfer, damals übernahmen sie die Herde von Gerls Vater. Gerl fährt gern raus zur Koppel im Feld zwischen Urberach und Messel. Die baumbestandene Weide ist ein echter Ruhepol, sagt der 52-Jährige, obwohl die meiste Arbeit in der Familie bleibt. Nur zum Scheren kommt Karl-Heinz Kämmerer aus Dudenhofen, der nimmt nämlich die Wolle mit. Sie zu verkaufen ist schon schwer genug, doch in der Gerl‘schen Größenordnung wäre eine Vermarktung schlicht unmöglich.

Gerl muss auch eine „Herde Menschen“ führen

Sein Mandat als Fraktionsvorsitzender der AL vergleicht Gerl durchaus gelegentlich mit der Arbeit eines Schäfers: Auch eine „Herde“ politisch engagierter Menschen will zusammengehalten und geführt sein und von den Erfahrungen ihres langjährigen Frontmanns profitieren. Leithammel indes will er nicht sein, Gerl beschreibt seinen Führungsstil als kollegial. Zu grünen Ur-Zeiten hätte er vermutlich basisdemokratisch gesagt.

Mit seinem Detailwissen zu Stadtplanung und Baugesetzen bringt Stefan Gerl die politische Konkurrenz schon mal an den Rand der Verzweiflung. Gelernt hat er beides im Vermessungsamt der Stadt Frankfurt, wo er inzwischen Herr über 3 420 Straßennamen ist. Wird ein neues Baugebiet ausgewiesen, fragen Magistrat, Parlament oder Ortsbeirat, ob der Name auch passt. „Brisant sind Benennungen nach Personen“, plaudert Gerl aus dem amtlichen Nähkästchen. Da muss er nämlich darlegen, ob der Betreffende die Ehrung in Form von Straßenschildern verdient hat.

Dubletten zu verhindern, ist ein weiterer Aspekt von Gerls Arbeit. Sonst könnte es nämlich passieren, dass ein Rettungswagen in den Jürgen-Grabowski-Weg nach Bergen-Enkheim fährt, obwohl ein Herzinfarktpatient in der Jürgen-Grabowski-Straße in Sindlingen auf den Notarzt wartet.

Auch Stadtverordneten-Mandat ein Hobby

Neben Schafen, Fahrrad und Arbeiten am Haus oder im Garten bezeichnet Stefan Gerl auch sein Mandat in der Rödermärker Stadtverordnetenversammlung als Hobby: „Das nimmt mich phasenweise mehr und nur selten wenig in Anspruch.“ Trotz des hohen Zeitaufwands ist er gern Fraktionsvorsitzender in der Partei von Bürgermeister Roland Kern.

Stefan Gerl hat aber auch schon feststellen müssen, dass Politiker in einer kleinen Stadt sehr öffentlich leben. Kaum hatten er und ein paar Freunde aus den Reihen der AL in der umstrittenen Pizzeria im Breidert privat zu Abend gegessen, bezichtigten Nachbarn ihn der Parteinahme für den Wirt, der sein Lokal mitten in einem Wohngebiet eröffnet hat.

Quelle: op-online.de

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