Attacken auf Unparteiische

Schiedsrichter brauchen dickes Fell

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Beleidigt und beschimpft wurde Schiedsrichter Boris Reisert schon oft, angegriffen zum Glück noch nie.

Ober-Roden - Die tödliche Attacke auf einen Linienrichter in Amsterdam hat nicht nur die Niederlande erschüttert. Zwei B-Jugend-Fußballer hatten den 41-Jährigen auf dem Sportplatz geschlagen und getreten, der Mann starb vor den Augen seiner Söhne. Von Sascha Eyßen

Der schlimme Vorfall ist auch Thema bei den hiesigen Schiedsrichtern. „Das ist natürlich eine sehr traurige Geschichte“, sagt Boris Reisert, der für die TG Ober-Roden seit dieser Saison in der Regionalliga pfeift, der vierthöchsten Klasse in Deutschland. Dermaßen brutale Angriffe sind ihm nicht bekannt, doch besorgniserregende Vorfälle gibt es auch hier immer wieder. So wurde erst kürzlich in der Kreisliga D Darmstadt ein kompletter Spieltag abgesagt, da in der Woche zuvor ein Schiedsrichter tätlich attackiert worden war.

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Körperlich, erzählt Boris Reisert, sei er bislang glücklicherweise nie angegriffen worden. Beleidigungen und Beschimpfungen gab es dagegen schon einige. So erinnert sich Reisert nur ungern an eines seiner ersten Spiele, das er im Aktivenbereich leitete: „Du gehörst verprügelt wie ein Hund“, bekam der mittlerweile 26-Jährige, der 2001 seinen Schiedsrichterschein machte, da von Zuschauern zu hören. Bei einer weiteren Partie bekam einer seiner Assistenten an der Seitenlinie Bier übergeschüttet.

Junge Schiedsrichter hören wieder auf

Reisert, der dem Kreisschiedsrichterausschuss angehört, steht auch jungen Schiedsrichtern gerne als Ansprechpartner zur Verfügung. „Gerade im Jugendbereich ist die Kritik oft unter der Gürtellinie“, weiß der kommende Lehrer für Mathe und Geschichte. So unterstützte Reisert erst kürzlich einen 14-jährigen Schiedsrichter, der in seinem ersten Spiel, einer D-Jugend-Partie, einem Spieler noch nach dem Abpfiff die Rote Karte zeigen musste. Der hatte ihn auf das Übelste beleidigt. „Das Problem ist, dass viele junge Schiedsrichter nach solchen Vorfällen schnell wieder aufhören“, so Reisert.

Fachleute schätzen, dass die Hälfte der Nachwuchsschiedsrichter gleich im ersten Jahr die Pfeiferei wieder sein lässt. „Man muss da schon ein wenig die Fähigkeit besitzen, über den Dingen zu stehen. Das kann man natürlich aber nicht von jedem 14-Jährigen verlangen“, stellt Reisert fest. „Für mich hat nie zur Debatte gestanden, dass ich aufhöre.“ Für viele seiner Kollegen gibt es allerdings eine rote Linie. Die sagen, wenn sie körperlich angegriffen werden, dann hören sie sofort auf.

Gegenseitiger Respekt

Der Kreis Dieburg hat ein Patensystem eingeführt. So sind erfahrene Schiedsrichter bei den ersten Einsätzen der jungen Kollegen mit dabei. Boris Reisert kann dem Nachwuchs mittlerweile einiges an Erfahrungen weitergeben. 2011 war er beim Regionalliga-Derby zwischen den zweiten Mannschaften von Borussia Dortmund und Schalke 04 Assistent. Die Partie wollten immerhin 8000 Zuschauer sehen, ob der Rivalität zwischen beiden Vereinen, ist das auch für die Schiedsrichter ein außergewöhnliches Spiel. „Da ist natürlich eine besondere Anspannung vorhanden“, gibt Reisert zu. Bei Spielen mit großer Kulisse nehme man die Zuschauer eher als anonyme Masse war. Anders ist das in unteren Klassen, wo die Zuschauer oft direkt hinter dem Assistenten stehen. „Da hört man wirklich jede Kritik an Entscheidungen.“ Oftmals auch solche, bei der der Absender ganz offensichtlich die Vereinsbrille aufhat und den Schiedsrichter nur verunsichern will.

„Wichtig ist ein vernünftiger Umgang mit den Spielern, frei nach dem Sprichwort ,Wie man in den Wald hineinruft...‘. Die Basis für ein gelungenes Spiel ist Respekt von beiden Seiten – Spielern und Schiedsrichtern“, empfiehlt Reisert, der die Begeisterung für die Schiedsrichterei übrigens an seinen Bruder Michael (16) weitergegeben hat. Der stand schon einige Male als Assistent seines älteren Bruders an der Seitenlinie.

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Quelle: op-online.de

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