Horst Richter musste seine Frau ins Heim einweisen, weil Hilfe in Schaden umzukippen drohte

Schleichend in die Leere geglitten

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Zwei Gesichter einer Krankheit: Mal braucht Ursula Richter die Hilfe ihres Mannes Horst beim Kaffeetrinken, ...

Ober-Roden ‐ Im Juni vorigen Jahres hat Horst Richter die Reißleine gezogen, weil er spürte, dass seine Frau Ursula ihm „mehr und mehr entgleitet“ und er am Ende seiner Kräfte war. Seither lebt sie in der geschlossenen Wohngruppe für Demenzkranke des „Hauses Morija“. Von Michael Löw

Die Altersverwirrtheit - so wird die Krankheit gelegentlich genannt - kam schleichend. Ende 2006, Anfang 2007 hatte Horst Richter das unbestimmte Gefühl, dass sich bei seiner Frau etwas tut. Gedächtnislücken waren erste Anzeichen für eine Schädigung des Gehirns. Anfangs dachte Richter, er könne gegensteuern. Ein paar kleine Tricks, mit denen seine Frau die Schwächen kaschierte, taten ihr Übriges, das Ehepaar in einer trügerischen Sicherheit zu wiegen.

Nach einer Knie-Operation im Herbst 2007 ging es mit der heute 70-Jährigen langsam bergab. Horst Richter nahm ihr immer mehr Arbeiten im Haushalt ab. Zugenommen haben die Spannungen. Ursula Richter widersetzte sich seinen Anweisungen bei der Morgenwäsche und versuchte, Medikamente im Mund zu verstecken statt sie zu schlucken. „Da rastete ich aus und habe sie angebrüllt“, schildert er bittere Momente ohne Schnörkel.

Der geistige Verfall seiner Frau nahm Horst Richter arg mit. Nachts schreckte er beim leisesten Geräusch auf, weil er Angst hatte, dass sie durchs Haus irrt: Findet sie die Toilette oder stolpert sie die Treppe hinunter? In seiner Brust machte sich ein beklemmendes Gefühl breit. „Die Zeiten, in denen ich meine kranke Frau allein lassen konnte, wurden jeden Monat kürzer“, beschreibt Richter das Fortschreiten der Demenz.

4000 Euro kostet „Haus Morija“ monatlich

Horst Richter brachte seine Frau zunächst dreimal pro Woche zur Tagespflege ins „Haus Morija“. Wenn er sie abends nach Hause holte, weinte sie: Menschen, die geistig weggetreten in ihren Sesseln saßen, setzten Ursula Richter zu. Vielleicht ahnte sie, dass ihr das gleiche Schicksal drohte.

Diese Phase ist dem 68-Jährigen als „sehr bösartig“ in Erinnerung, die Einweisung ins Heim war für ihn der letzte Ausweg. 4000 Euro kostet „Haus Morija“ monatlich, nur 1 500 Euro davon zahlt die Pflegekasse. Richter ist froh, dass seine Frau zeitig eine Vorsorgevollmacht getroffen hatte, die ihm das erlaubt. Denn die Einweisung in eine geschlossene Wohngruppe ist eine freiheitsentziehende Maßnahme, die grundsätzlich von einem Richter genehmigt werden muss.

... und Minuten später scherzt sie mit den übrigen Besuchern des AWO-„Leuchtturms“ im Bürgertreff Waldacker. Die Demenzgruppe trifft sich immer montags von 14 bis 18 Uhr.

Dass Horst Richter seine Frau nicht abgeschoben hat, beweisen seine Besuche im „Haus Morija“. An fünf Tagen die Woche geht er zweimal hin, um sie füttern, sonst einmal. Was sie davon mitbekommt, weiß er nicht. Mal schweigt sie ihn die ganze Zeit an. Bringt er Angehörige mit, erzählt sie dagegen gut gelaunt von früher. Und immer wieder kommt Horst Richter ins Grübeln: Wie viel kriegt seine Frau von ihrer Situation mit, macht sie ihn am Ende vielleicht sogar verantwortlich? Eine Antwort darauf wird er nie kriegen.

Halt gibt ihm der „Leuchtturm“, die Demenzgruppe der Arbeiterwohlfahrt montags im Bürgertreff. Da weiß er seine Frau bestens aufgehoben und hat einem Nachmittag Zeit für sich. Und sich die zu nehmen, rät Horst Richter auch allen anderen pflegenden Angehörigen: „Wenn Sie am Untergehen sind, kann Ihnen der Leuchtturm helfen!“

Quelle: op-online.de

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