Schmale Reifen im Schneematsch

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Die Radwege zwischen Urberach und Ober-Roden waren diese Woche eher Rutschbahnen. Dr. Dietmar Herdt ließ sich aber nicht aus dem Gleichgewicht bringen und fuhr trotz Schnee täglich zur Nell-Breuning-Schule. „Die Stadt könnte wenigstens die wichtigsten Verbindungen räumen“, spricht er sicherlich vielen Pedaltretern aus der Seele. Salz brauche da niemand, aber „Nichts tun ist zu wenig!“

Rödermark ‐ Ein Glatteisunfall im Winter 1994 war schuld. Dr. Dietmar Herdt hatte einen Tag zuvor seinen Dienst an der Nell-Breuning-Schule angetreten, da rutschte ein Auto gegen seines. Die Reparatur zog sich und zog sich, deshalb stieg er aufs Rad und strampelte täglich von Urberach in die Kapellenstraße. Von Michael Löw

Das blieb auch nach der Reparatur so, seither spielt das Auto im Leben des Physik- und Mathelehrers keine Rolle mehr.

Mit dem Rad zur Arbeit - das ist für viele Rödermärker nichts Besonderes (siehe unten „Gemeinsame Aktion“). Doch kaum einer radelt so konsequent wie Herdt. „Wenn‘s geschneit hatte, stand mein Arbeitspferd allein im Lehrer-Fahrradstand“, erzählt er.

Zwischen Haus und Schule liegen zwar nur fünf Kilometer. Da Herdt die Strecke an den meisten Tagen aber zweimal fährt, kommen pro Woche beachtliche 100 Kilometer zusammen - jahrein, jahraus.

Geld spare ich dabei nicht wirklich“, räumt Herdt mit dem Vorurteil auf, dass Radfahren Umwelt und Portemonnaie gleichermaßen nutzt. Was er an Sprit spart - hochgerechnete fünf Tankfüllungen im Jahr - geht für Verschleißteile und Reparaturen an seinen Fahrrädern drauf.

Denn außer seinem Alltagsrad hat er noch ein neun Kilo leichtes Hightech-Mountainbike im Keller stehen, das er für Touren an Rhein, Main und Nidda entlang oder ins Taubertal nutzt. 10.000 Kilometer legt Herdt jährlich auf dem Weg zur Arbeit und in seiner Freizeit zurück.

Im Lehrerzimmer hängt der Anzug

15 bis 20 Stundenkilometer sind seiner Ansicht nach die optimale Mischung zwischen zügigem Vorankommen und Sehen, was um einen herum passiert. Im Feld zwischen Urberach und Ober-Roden sei schon so manche gute Idee für den Unterricht gereift. Radfahren ist für Dietmar Herdt „ein Stück Freiheit“, das aber auch handfeste Vorteile bietet: „Ich kann überall bis vor die Tür fahren und habe nie Ärger mit den Hipos.“

Kummer macht ihm gelegentlich die ungeschriebene Kleiderordnung der Nell-Breuning-Schule. Abiturprüfungen kann er unmöglich in Radfahrerklamotten abnehmen, deshalb hängt immer ein Anzug im Lehrerzimmer, und Herdt hofft, dass keiner seiner Kollegen mit Kaffee kleckert.

So mancher seiner 18-jährigen Oberstufenschüler, für die das Auto das einzige Fortbewegungsmittel zu sein scheint, mögen Herdt vielleicht belächeln. Sie zu missionieren kommt für den Pädagogen aber nicht in Frage: „Ich hatte selber Benzin und Blut und fuhr mit 18 ein schweres Motorrad!“

Gemeinsame Aktion

„Mit dem Rad zur Arbeit“ heißt eine Initiative, zu der der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) und die AOK im Sommer aufrufen. Wer zwischen Juni und August an mindestens 20 Tagen ins Büro oder an die Werkbank radelt und dies in einem Kalender dokumentiert, kann wertvolle Preise gewinnen. 168.000 Deutsche machten voriges Jahr mit.

Rund 20 von ihnen arbeiten bei CeoTronics im Urberacher Industriegebiet, berichtet der ADFC-Kreisvorsitzende Stefan Janke, der seine Brötchen ebenfalls dort verdient. Einige seiner radelnden Kollegen sind am Otzberg, in Groß-Zimmern oder in Erzhausen daheim. Firmenchef Thomas Günther ließ extra eine wetterfeste und diebstahlsichere Fahrradhalle bauen.

Rödermarks wahrscheinlich sportlichster Unternehmer, Videor-Geschäftsführer Jürgen Hagenlocher, schätzt die Zahl seiner sportlichen Mitarbeiter auf mindestens ein Dutzend, Gelegenheitsradler nicht mitgerechnet. Das Unternehmen hat seine Fahrradparkplätze vergrößert, die vor Jahren eigens installierte Dusche wartet allerdings noch auf ihre Premiere.

Mehr Infos gibt es auf der Internetseite der ADFC-Initiative

Im Neuschnee habe ich morgens um sieben gesehen, dass ich nicht der Erste bin, der seine Spuren zieht“, sagte ADFC-Vorsitzender Janke, der jeden Tag von Dudenhofen nach Urberach fährt. Unter anderem ist ihm schon Pfarrer Frithjof Decker auf seinem Weg von Urberach zum Dekanat in Dietzenbach begegnet. Wer mit offenen Augen durch den Kreis fährt, der findet sie also - die eis-, schnee- und matschtauglichen Allwetter-Radler.

Quelle: op-online.de

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