Schnauferl-Fan liebt auch PS-Boliden

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Ansichten eines Oldies: Die Innenverkleidung des 1927er Franklin könnte auch aus einem Hotelzimmer oder einer Schiffskabine aus dieser Zeit stammen. „Aura Vincit“ – Luft siegt – ist unter den Löwen geprägt, der über die Kühlerhaube wacht. Der Spruch manifestiert die Zuverlässigkeit des luftgekühlten Sechs-Zylinder-Motors, dessen Ventile Erik Hoedt vor jeder Fahrt per Pipette mit Öl versorgt.

Erik Hoedt ist ein Mann der Gegensätze. Er liebt sowohl gemächlich vor sich hin tuckernde als auch rasend schnelle Autos. Mit einem 92 Jahre alten Franklin fährt er zu Oldtimertreffen. Das ist aber nicht sein einziges Alt-Auto.

Rödermark - Und als automobilen Ausgleich organisiert er Wochenendtrips auf den Nürburgring und andere Rennstrecken.

Ober-Roden – Erik Hoedt kaufte seinen ersten Oldtimer mit 25. Da träumten seine Freunde von einem Golf GTI oder einem Dreier-BMW. Oder fuhren ganz vernünftig Papas in die Jahre gekommnen Audi 80. Aber Erik Hoedt hörte nicht auf den Kopf, sondern folgte seinem Bauchgefühl. Das Ergebnis: ein Jaguar MK X.

Das britische 5,20-Meter-Schiff besaß zwei Tanks und hatte außer einem vertretbaren Benzindurst einen geradezu unstillbaren Öldurst. Waren die Spritbehälter leer, musste Hoedt eineinhalb Liter Motoröl nachkippen. Jahrelang fuhr er von Wiesbaden zur Arbeit nach Dietzenbach. Der Jaguar war ein Hingucker, deshalb wurde Hoedt oft angehalten und mit seinem Auto fotografiert.

Der heute 57 Jahre alte Erik Hoedt bezeichnet seine Liebe zu Autos gern als „Kinderkrankheit, von der etwas zurück geblieben ist“. Seine Eltern, in den USA lebende Deutsche, überführten nämlich Autos von einer Großstadt in die andere. Klein-Erik krabbelte bei diesen Touren durch den Laufstall, der auf Rückbank stand. Man stelle sich diesen Kindertransport im Jahr 2019 vor!

„Made in USA“ ist auch Hoedts neuester Alter, ein Franklin des Baujahrs 1927. Entdeckt hat er das Modell, das aus satten 3,5 Litern Hubraum ganze 32 PS holt und höchstens 70 Stundenkilometer schafft, in einem Hotel am Nürburgring, Deutschlands bekanntester Rennstrecke. Ein blauer Franklin stand ganz in der Nähe zum Verkauf. Doch weil Erik Hoedt ihn nicht probefahren konnte, verschob er das Projekt erst einmal. Nach eineinhalb Jahren Suchen wurde er 2016 dann doch fündig.

Der gelbe Franklin war 1927 seiner Zeit voraus und galt als Leichtbauauto. Die meisten Teile der Karosserie sind aus Aluminium gefertigt. Nur die Kotflügel sind aus Stahl und haben nach fast einem Jahrhundert erste, nur beim genauen Hinschauen erkennbare Roststellen. Die Räder bestehen ebenso aus Holz wie die Türrahmen oder die Unterkonstruktion der Sitze. Der Dachhimmel erinnert mit Mahagoni, edlem Stoff und einer Randbordüre eher an einen Salon als ans Innere eines Autos.

Der Sechs-Zylinder-Motor war luftgekühlt und sprang zuverlässig an. Das bescherte dem Franklin den Namen „Doktorauto“. Die kleine Firma baute zwischen 1902 und 1934 nur 150 000 Autos. So viel produzierte Marktführer Ford damals in ein paar Wochen. Prominentester Franklin-Fahrer war übrigens Atlatik-Überflieger Charles Lindbergh.

Erik Hoedts Franklin steht da wie eine Eins. Über den Wert eines solchen Autos spricht man in der Oldtimerszene nicht. Hoedt verrät immerhin so viel: „Der Preis tut nicht so weh, wie man denkt!“ Das hängt wahrscheinlich von der persönlichen Schmerzgrenze ab. Schlucken musste Hoedt aber, als er vier neue Reifen bestellte. Das Stück kostete 500 Euro.

Der Zweit-Oldtimer des im Breidert wohnenden Software-Entwicklers ist ein 1961 gebauter Cadillac. Ein wahrer Straßenkreuzer von 5,75 Metern Länge, mit sechs Litern Hubraum und 325 PS. Die Höchstgeschwindigkeit von 190 Stundenkilometern ist Erik Hoedt noch nicht gefahren: „Ich habe mich nur bis 170 getraut, dann hat mir das Auto zu sehr geschaukelt.“ Aber mehr als Tempo beeindruckt der Luxus des Cadillac seinen Besitzer: Schon damals waren elektrische Fensterheber, elektrisch verstellbare Sitze und ein elektrischer Kofferraumschließer Serie.

Zum Schluss noch einmal zurück an den Nürburgring, wo Erik Hoedts Franklin-Leidenschaft ihren Anfang hatte. Auch wenn er im Hotel ist, macht er in der Eifel nicht einfach Urlaub. Er ist einer von zwei Machern von „Racetrack4you“, übersetzt etwa: Rennstrecken für dich. Hoedt und der Bischofsheimer Helmut Rieser bringen die Besitzer PS-starker Autos auf Hochgeschwindigkeitspisten wie eben den Nürburgring. Dort können sie ihre Runden unten Rennbedingungen drehen.

VON MICHAEL LÖW

Quelle: op-online.de

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